Wenn ich Hochleister nach ihren wichtigsten persönlichen Werten frage, dann können die meisten sofort einige nennen. Ganz vornean: Integrität, Verantwortung, Verlässlichkeit und natürlich: stets das Beste geben wollen. Alles Tugenden, die selbstverständlich mit(!) zu den Werten zu zählen sind.

Doch Werte sind mehr als „nur“ Tugenden. Auch „Karriere“ ist ein Wert. Oder materieller Wohlstand. Oder Familie. Oder Gesundheit. Einfach alles, was ein Mensch als wertvoll erachtet bzw. was er in seinem Leben einen gewissen Wert zuschreibt. Aber gerade Dinge wie „Karriere“ oder „Geld“ werden bei der Frage nach persönlichen Werten selten bis nie als Antwort genannt.

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Persönliche Werte sind mehr

Persönliche Werte sind also mehr als Tugenden, weit mehr. Meine persönliche Definition von Werten lautet daher:

Persönliche Werte sind alles, was uns wirklich etwas wert ist – ob Tugenden wie Verlässlichkeit und Integrität oder Lebensprioritäten wie Gesundheit, Familie und Karriere. Entscheidend ist nicht, ob ein Wert moralisch klingt, sondern ob ich ihm in meinem Leben eine Bedeutung zuweise.

Wie hoch diese Bedeutung dann im real existierenden Alltag ist, mag noch einmal eine andere Frage sein, sie ist aber erst später zu stellen. Hier geht es erst einmal darum, festzuhalten, dass Werte wie erwähnt alles sein können, was einem Menschen etwas wert ist.

Wertebewusstsein

Sie gehen sicher mit mir einig, dass Werte ihren tatsächlichen Wert erst dann erweisen, wenn sie im ganz normalen Alltag auch umgesetzt werden und in der Regel auch ersichtlich sind. Beides ist aber oft nur sehr begrenzt und zuweilen gar nicht der Fall. Der Hauptgrund: Werte verschwinden häufig recht schnell aus dem Bewusstsein, wenn nicht bewusst(!) gegengesteuert wird.

Und mit dem Verschwinden aus dem Bewusstsein ist die Wahrscheinlichkeit auch recht klein geworden, dass sie noch eine handlungsleitende Funktion übernehmen können. Und damit verlieren Werte, ja, ihren Wert. Vor allem den hohen Wert, den sie im Leben von entscheidungsstarken Menschen haben. Das sind nämlich immer wertebewusste Menschen. Nicht immer tugendhafte, aber wertebewusste.


Wie persönliche Werte unter Druck verschwinden

Das Verschwinden von persönlichen Werten aus dem Bewusstsein folgt keinem Naturgesetz. Aber es folgt einem Muster, das sich in meiner über 30-jährigen Arbeit mit Hochleistern immer wieder zeigt – und zwar unabhängig davon, ob es um Tugenden oder um Lebensprioritäten geht.

Am Anfang stehen einzelne Ausnahmen. Die Gesundheit, die „nur dieses eine Mal" dem Projektzeitplan weicht. Die Zeit mit der Familie, die „nur in diesem Quartal" hinter die Karriere zurücktritt. Die Verlässlichkeit, die „ausnahmsweise" einem taktischen Vorteil geopfert wird. Für sich genommen sind das keine dramatischen Entscheidungen und wenn es tatsächlich nur gelegentlich passiert, auch nicht weiter schlimm.


Ausnahmefälle oder neue Gewohnheiten?

Aber was als Ausnahmefall beginnt, trägt stets ein Risiko in sich, dessen wir uns zumindest bewusst sein sollten: nämlich das Risiko, dass sich Ausnahmefälle wiederholen und schließlich zur Gewohnheit werden.

Und aus der Gewohnheit wird ein neuer Normalzustand. Die Gesundheit steht zwar noch auf der Liste der persönlichen Werte – aber sie leitet keine Entscheidungen mehr. Die Familie ist noch „wichtig" – aber die Handlungen (und vor allem die Nicht-Handlungen…) erzählen eine andere Geschichte. Und die Verlässlichkeit wird zwar nach wie vor als Wert benannt – aber im Alltag immer häufiger durch „Pragmatismus" ersetzt.

Das Tückische an diesem Prozess: Er ist leise. Es gibt keinen Moment, in dem man bewusst entscheidet, einen Wert aufzugeben. Es passiert schleichend – und genau deshalb ist es so folgenreich.


Das muss nicht so sein

Aber – und das ist mir wichtig: Dieses Muster ist kein unausweichliches Schicksal. Es ist die Konsequenz mangelnden Bewusstseins. Und Bewusstsein lässt sich herstellen.

Der erste und entscheidende Schritt ist, die eigenen persönlichen Werte nicht nur zu kennen, sondern sie in eine klare Rangordnung zu bringen. Was ist mir am wichtigsten? Was kommt an zweiter Stelle? Was an dritter? Diese Fragen klingen einfach. In der Praxis erfordern sie eine Auseinandersetzung, die die meisten Menschen scheuen – weil die Antworten Konsequenzen haben.

Denn wer weiß, dass Gesundheit für ihn auf Platz eins steht, kann nicht mehr so tun, als wäre die dritte durchgearbeitete Nacht in Folge eine vertretbare Ausnahme. Und wer sich eingestanden hat, dass ihm Karriere wichtiger ist als eine bestimmte Tugend, muss zumindest ehrlich mit sich selbst sein – was in vielen Fällen bereits der Anfang einer produktiveren Selbstführung ist.

Der zweite Schritt: Persönliche Werte brauchen Sichtbarkeit. Was nicht regelmäßig ins Bewusstsein gerufen wird, verschwindet aus dem Bewusstsein. So einfach und zugleich so anspruchsvoll ist das. Das kann ein wöchentliches Innehalten sein, ein kurzer Abgleich zwischen dem, was man als wertvoll erachtet, und dem, was man in der vergangenen Woche tatsächlich getan hat. Es muss kein aufwändiges Ritual sein. Aber es muss stattfinden.


Persönliche Werte als Fundament von Entscheidungsstärke

Warum sich dieser Aufwand lohnt, zeigt sich an einer Stelle, die für Hochleister von zentraler Bedeutung ist: der Entscheidungsfähigkeit.

Menschen, die als „Fels in der Brandung" wahrgenommen werden – Menschen, die auch in Krisen, unter Zeitdruck und bei unpopulären Entscheidungen klar und konsequent handeln – sind nicht einfach robuster veranlagt als andere. Sie haben etwas, das ihnen Orientierung gibt, wenn äußere Umstände keine bieten: ein klares Bewusstsein darüber, was ihnen am wichtigsten, zweitwichtigsten, drittwichtigsten ist.

Dieses Bewusstsein ist die Grundlage von Resilienz. Nicht die einzige – aber eine unverzichtbare. Denn Resilienz ohne innere Richtung ist bloßes Durchhalten. Erst das Werte-Bewusstsein macht aus Belastbarkeit eine Kraft, die nicht nur standhält, sondern auch Richtung vorgibt.

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Ein Anfang

Die Frage, die am Ende dieses Artikels steht, ist daher keine rhetorische: Könnten Sie Ihre persönlichen Werte – Tugenden und Lebensprioritäten gleichermaßen – in eine klare Reihenfolge bringen? Nicht theoretisch, sondern so, dass diese Reihenfolge morgen früh Ihre erste schwierige Entscheidung beeinflusst?

Wenn die Antwort Ja ist, haben Sie ein Fundament, auf das Sie bauen können. Wenn die Antwort Nein ist – oder „eigentlich schon, aber…" –, dann wissen Sie jetzt, wo der Anfang liegt.

Markus Frey

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