Der Vertrag ist unterschrieben, die Beförderung verkündet, das Projekt ausgeliefert. Und wenige Stunden später steht eine Stille im Raum, mit der Sie nicht gerechnet haben. Eine innere Leere trotz Erfolg beginnt, sich in Ihnen auszubreiten.


Der Moment, über den kaum jemand spricht

Fast jeder Hochleister kennt diesen Moment. Während der Anstrengung taucht er selten auf – da trägt Sie die Aufgabe selbst. Er kommt danach. Die Glückwünsche sind verklungen, der Kalender zeigt längst das nächste Vorhaben, und da ist dieses eigentümlich flache Gefühl an der Stelle, an der Stolz stehen sollte.

Viele legen es unter Erschöpfung ab. Das ist verständlich und greift zugleich zu kurz. Erschöpfung weicht nach ein paar Nächten Schlaf und zwei ruhigen Wochenenden. Dieses Gefühl bleibt – und meldet sich beim nächsten Erfolg zuverlässig wieder.

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Ein Satz, nach dem es im Raum still wurde

In der Arbeit mit Spitzensportlerinnen und Spitzensportlern saß mir an einem Wochenende eine kleine Gruppe international erfolgreicher Athleten gegenüber. Menschen also, die dorthin gekommen sind, wovon Millionen träumen.

Ich sagte an diesem Wochenende einen Satz, nach dem es im Raum still wurde:

Wer den Weltmeistertitel als Lebensziel gesetzt hat, hat sein Lebensziel zu tief gewählt.

Alle schauten mich mit großen Augen an. Und alle wussten sofort, was gemeint war.

Denn ein Weltmeistertitel ist erreichbar. Genau darin liegt seine Faszination – und genau darin liegt das Problem, wenn er als Lebensziel gesetzt wird. Was erreichbar ist, ist eines Tages erreicht. Ein Lebensziel, das an einem Samstagnachmittag abgeschlossen werden kann, hinterlässt einen leeren Sonntag. Und danach zwanzig, dreißig, vierzig weitere Jahre.

Der Spitzensport ist in dieser Hinsicht ein Brennglas. Was dort in verdichteter Form sichtbar wird, läuft in Vorstandsetagen, Instituten und Kanzleien in Zeitlupe ab – über Jahre gestreckt und deshalb schwerer zu erkennen. Dass diese Konstellation im Extremfall tragisch enden kann, gehört zu den erschütterndsten Erfahrungen meiner Arbeit.


Warum es gerade Hochleister trifft

Hochleister sind exzellent im Erreichen. Sie können ein Ziel zerlegen, terminieren, gegen Widerstände durchsetzen und liefern. Diese Fähigkeit ist Ihr Kapital, und sie ist der Grund für alles, was auf Ihrer Bilanz steht.

Sie hat allerdings eine Eigenschaft, die selten mitgedacht wird: Sie arbeitet unabhängig davon, wessen Ziel Sie gerade verfolgen und auf welcher Ebene es liegt. Ein Mensch mit hoher Umsetzungskraft erreicht auch fremde und zu tief gewählte Ziele zuverlässig. Und zwar schnell.

Wer schwächer im Umsetzen ist, scheitert früh genug, um die Frage nach dem Warum rechtzeitig zu stellen. Wer stark ist, kommt oben an – und stellt die Frage erst dort. Die Stärke selbst verschiebt den Zeitpunkt der Prüfung nach hinten. Deshalb entsteht innere Leere trotz Erfolg besonders häufig bei Menschen mit einer beeindruckenden Erfolgsbilanz.


Innere Leere trotz Erfolg ist ein Befund

Innere Leere trotz Erfolg ist eine präzise Rückmeldung Ihres eigenen Wertesystems. Sie zeigt an, dass zwischen dem, was Sie erreicht haben, und dem, was Ihnen wirklich etwas wert ist, eine Lücke besteht.

Persönliche Werte sind alles, was uns wirklich etwas wert ist – Tugenden wie Verlässlichkeit und Integrität ebenso wie Lebensprioritäten wie Gesundheit, Familie oder Gestaltungsfreiheit. Ein Ziel, das auf einen dieser Werte einzahlt, erzeugt beim Erreichen Resonanz: Es fühlt sich stimmig an und trägt über den Tag hinaus. Ein Ziel ohne diesen Bezug erzeugt beim Erreichen lediglich eine Quittung: erledigt, abgehakt, weiter.

Damit ist dieses Gefühl eine Information – und Informationen kann man auswerten.


Das nächste Ziel hilft. Die Frage ist, welches.

Wer nach einem erreichten Ziel ein neues setzt, kommt aus der Leere heraus. Das erlebe ich immer wieder, und zwar zuverlässig. Zielorientiert unterwegs zu sein ist selbst ein tragendes Element mentaler Stabilität.

Entscheidend ist, welches Ziel Sie wählen. Und hier liegt das Missverständnis, das die meisten teuer bezahlen: Ein höheres Ziel entsteht durch Steigerung derselben Größe. Zweimal Weltmeister. Weltmeister mit Weltrekord. Der Abschluss über zwanzig Millionen statt über zwölf. Das ist die gleiche Ebene in größeren Zahlen – und sie führt an denselben leeren Sonntag, nur ein paar Jahre später und nach mehr verbrauchter Energie.

Ein wirklich höheres Ziel liegt im Bereich eines wichtigeren Wertes.

Und damit kommt die Frage dorthin, wo sie hingehört: Welcher Wert für Sie der wichtigere ist, entscheiden weder ich noch Ihr Umfeld noch Ihr Aufsichtsrat. Das entscheiden Sie – und Sie können es nur entscheiden, wenn Sie Ihre Werte kennen. Genau deshalb steht das Werte-Bewusstsein am Anfang. Ohne es bleibt jede Zielsetzung ein Griff ins Regal, in dem gerade etwas gut sichtbar liegt.


Drei Fragen für den Moment danach

Innere Leere trotz Erfolg lässt sich mit drei Fragen erschließen:

  1. Welchen meiner Werte hat dieses Ziel bedient? Falls Ihnen darauf spontan nichts einfällt, haben Sie die wichtigste Antwort bereits.
  2. Wer hat dieses Ziel formuliert? Ihr Vorstand, Ihr Umfeld, Ihr 28-jähriges Ich – oder Sie, heute?
  3. Welcher Wert ist mir heute wichtiger als der, den dieses Ziel bedient hat? Dort liegt Ihr nächstes Ziel.

Zehn Minuten mit Stift und Papier reichen für den Anfang. Wichtig ist allein, dass Sie die Fragen beantworten, solange die Erinnerung an das Gefühl frisch ist.


Vom Befund zur Konsequenz

Das klassische SMART-Modell beschreibt, wie ein Ziel gebaut sein muss, damit es funktioniert: spezifisch, messbar, attraktiv, realistisch, terminiert. Das ist handwerklich sauber und für die Umsetzung unverzichtbar.

Über die Tragfähigkeit eines Ziels entscheidet allerdings eine Frage, die in diesem Modell fehlt: Auf welchen persönlichen Wert zahlt dieses Ziel ein? Genau dort setzt die SmartPlus-Methode an. Sie verbindet die Präzision von SMART mit dem Werte-, Ziel- und Sinn-Bewusstsein, das darüber entscheidet, ob ein erreichtes Ziel Sie auch trägt.

Der Unterschied zeigt sich früh. Ein Ziel mit klarem Wertebezug übersteht die schwierige Phase in der Mitte, in der die anfängliche Begeisterung verflogen und das Ergebnis noch weit entfernt ist. Ein Ziel ohne diesen Bezug braucht in derselben Phase Disziplin – und Disziplin ist eine endliche Ressource, die Sie an anderer Stelle ebenfalls benötigen.

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Das leere Gefühl nach dem Erfolg ist damit eine Einladung, das nächste Ziel eine Ebene höher zu wählen. Spitzenenergie entsteht dort, wo Ihr Können und das, was Ihnen wirklich etwas wert ist, in dieselbe Richtung zeigen. Auch morgen noch.

Markus Frey