Wenn das Salz aber fade geworden ist,
wodurch soll es seine Würzkraft wiedergewinnen?

Die Bibel, Matthäus 5,13

In seiner berühmten Bergpredigt hat Jesus von Nazareth seinen Zuhörern zunächst zugesprochen, „Salz der Erde“ zu sein. Was kann diese Metapher anderes bedeuten, als die Aufforderung, den christlichen Glauben und die damit verbundenen Werte ernst zu nehmen? Ernst zu nehmen in dem Sinne, dass beides im ganz normalen Alltag gelebt wird?


Die Kraft der Werte kann verloren gehen

Doch Jesus war bei seiner berühmtesten Rede auch äußerst nüchtern. Er wusste: Glaube kann verloren gehen, die Kraft der Werte auch. Das „Salz“, von dem er in diesem Zusammenhang spricht, wird also fade, geschmack- und kraftlos.

Die obige Aussage ist fast 2000 Jahre alt. Doch sie könnte genau so gut aus den 20er Jahren des 21. Jahrhunderts stammen. Wohl noch mehr als die Menschen der damaligen Zeit sind wir darauf trainiert, uns anzupassen, möglichst nicht aufzufallen. Schon gar nicht dadurch, dass wir unsere Werte wirklich in jeder Situation zu leben gedenken. Und zwar auch dann, wenn sie uns selbst und allenfalls auch der Gesellschaft, im ersten Moment einen Nachteil bringen.

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Werte können auch Nachteile bringen – zumindest kurzfristig

Und selbstverständlich können gelebte Werte auch Nachteile bringen. In einfacheren Fällen sind es „nur“ Nachteile für die eigene Bequemlichkeit: wenn ich etwa aus Umweltgründen darauf verzichte, für kurze Strecken das Auto zu nehmen und zum Beispiel meine Einkäufe zu Fuß oder mit dem Fahrrad erledige.

Noch etwas herausfordernder wird es meistens, wenn es an den Geldbeutel geht. Sind meine Werte auch dann noch die stärkste Kraft, die meine Handlungen entscheiden, wenn ich für einen Artikel mehr, vielleicht sogar deutlich mehr, bezahlen muss? Mehr als für einen konkurrierenden Artikel, von dem ich aber weiß, dass bei seiner Herstellung verschiedene Werte, die meinen Werten entgegenstehen, missachtet wurden? Artikel, bei denen Kinderarbeit eine Rolle spielen oder nicht eingehaltene Umwelt- oder Sozialstandards oder vielleicht auch alles zusammen?

Weitere Nachteile von Werten in Wirtschaft und Gesellschaft

Und die Nachteile von wirklich gelebten Werten auf der persönlichen Ebene gehen auf der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ebene weiter. Da können gelebte Werte auch große Verluste nach sich ziehen, da sollten niemand sich etwas vormachen. Zum Beispiel kann das Einhalten von Umweltstandards so sehr verteuern bzw. das Nichteinhalten es so sehr verbilligen, dass das am „Point of sale“ für viele Menschen entscheidend ist. Und ja, das Spiel der Korruption mitzuspielen oder eben nicht mitzuspielen, kann bei der Erlangung eines Großauftrags über se der für ein mittelständisches Unternehmen vielleicht überlebenswichtig ist, ebenfalls entscheidend sein.

Die Versuchung, Werte zu relativieren und zu missachten

Die Versuchung, Werte zu relativieren oder gleich ganz zu ignorieren, kann also auf allen Ebenen schon recht groß sein. Allerdings fällt mir schon seit vielen Jahren auf, dass Werte schon auf einer unteren Ebene, also wenn es um Bequemlichkeit oder sonstige relativ geringfügige Vorteile geht, für viele Menschen einen immer geringeren Stellenwert zu besitzen scheinen.

Da ist zum Beispiel der Fußballer, der bei der Gewichtsüberprüfung immer wieder geschummelt hat, indem er kurz zuvor seinen Körper massiv dehydriert hat. Die Waage zeigte wie gewünscht ein geringeres Gewicht an, aber natürlich hatte er das verlorene Wasser kurz danach wieder „drauf“. Oder der Manager, der Integrität als seinen wichtigsten Wert nennt – und drei Minuten später seinem Team erklärt, warum die Quartalszahlen „nach außen etwas anders dargestellt werden müssen". Oder, oder, oder. Ich denke, jedem von uns fallen unzählige weitere Beispiele ein, selbst dann, wenn man den Mann im Weißen Haus zu Washington außen vor lässt, für den „Wahrheit“ und „Lüge“ überhaupt keine Kategorien sind, die ihn zu interessieren scheinen.


Der höchste Preis – der Verlust der Kraft der Werte

Mir war im bisherigen Verlauf dieses Beitrags wichtig, klarzumachen, dass Werte etwas kosten, dass sie zumindest kurzfristig auch Nachteile bringen können. Daher kann die Versuchung, sie eben nicht zu leben, erheblich sein. Aber jetzt müssen wir uns einer weiteren Tatsache stellen. Nämlich der Tatsache, dass auch das Nichtleben von Werten einen Preis erfordert. Und langfristig ist dieser Preis in den meisten Fällen höher, weitaus höher als das konsequente Leben eines Wertes. Wie gesagt, nicht unbedingt kurzfristig – langfristig aber fast immer.

Die Kraft der Werte und die Entscheidungskraft

Der erste und gleichzeitig bedeutendste Verlust ist die Kraft der Werte – oder um wieder die Anleihe bei der Sprache der Bergpredigt zu nehmen: wenn das Salz fade wird. Für diesen Verlust hat nicht nur eine Gesellschaft als Ganzes, sondern bereits der Einzelne zu bezahlen. Und zwar mit seiner Entscheidungskraft. Wer immer wieder „Eigentlich würde ich gerne, aber…“ sagt und damit ein ums andere Mal die Missachtung eines Wertes verteidigt, geht eher früher als erst später eben auch des Maßstabes verlustig. Und es ist dieser Maßstab, der gute, nachhaltig wirksame, Entscheidungen überhaupt erst möglich macht. 

Die dramatische Folge ist, dass solche Menschen in aller Regel sehr leicht zu beeinflussen sind. Sie sind wie Blätter sind, die bald hierhin, bald dorthin geweht werden. Gleichzeitig stehen sie unter einem enormen Stress, weil der verlorene Maßstab der eigenen Werte selbstredend zu einer großen Orientierungslosigkeit führt. Oder sie werden geradezu süchtig nach Statussymbolen und, damit verbunden, der Meinung anderer Leute, was den Stress immer weiter verstärkt.

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Gelebte Werte, Kraft der Werte

Hinter den Worten dieses Beitrags steht ein mittlerweile weit über 60 Jahre andauerndes Leben, indem ich einerseits mich selbst, aber auch unzählige andere Menschen in ihrem Wertebewusstsein beobachten und einige davon darin auch bestärken und begleiten durfte. Und diese Erfahrungen überbringen mir eine sehr unmissverständliche Botschaft: nämlich die schon erwähnte Botschaft, dass der Preis für gelebte Werte zwar hoch sein kann und dass das nicht unter den Tisch gewischt werden darf. Aber noch viel weniger darf unter den Tisch gewischt werden, dass die Kraft der Werte ein unverzichtbares Element jeglicher Persönlichkeitsstärke und Resilienz ist. Menschen, die als „Felsen in der Brandung“ wahrgenommen werden und auch Krisenzeiten souverän zu meistern in der Lage sind, wissen das.

Markus Frey

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