Was passiert, wenn Hochleister ihre Werte nicht klar haben
Ich saß wieder in der Badewanne, aus der ich mich Sekunden zuvor schon einmal erhoben hatte. Doch ich konnte mich nicht auf den Beinen halten. Und schaffte es gerade noch, den Stöpsel herauszuziehen – weitere Details erspare ich den geneigten Lesern.
Was war passiert? Ich war gesundheitlich angeschlagen. Auf meinem Trainingsplan stand trotzdem ein hartes Intervalltraining. Ich wusste, dass mein Körper nicht in der Verfassung war für das, was ich ihm abverlangen wollte. Ich habe es trotzdem durchgezogen.
Was hatte diese fast 40 Jahre alte Geschichte mit Wertebewusstsein zu tun? Sie hatte eine Vorgeschichte.

Kostenfrei herunterladen!
Wer diesen Artikel bis hierhin gelesen hat, findet im E-Book "Selbstbestimmt im Stress" den nächsten konkreten Schritt.
Wertekonflikte
Ich hatte zwei Werte, die mir beide wichtig waren. Der erste: meinem Körper stets alles zu geben, was er braucht – Ernährung, Schlaf, Regeneration. Der zweite: mich einem harten, umfangreichen Training zu unterziehen, um die sportlichen Ziele zu erreichen, die ich mir gesetzt hatte.
Wer den Leistungssport kennt, weiß: Gesundheitsbewusstsein und Leistungswille geraten zwangsläufig irgendwann in Konflikt. Bei mir war das kein Ausnahmefall – es war Dauerzustand. Und der Druck kam nicht von außen. Die Trainer bremsten mich eher. Den Druck erzeugte ich selbst.
Übertraining war bei mir ein regelmäßiges Thema.
Ich hatte beide Werte. Ich kannte sie sogar. Aber ich hatte nie wirklich entschieden, welcher im Zweifel wichtiger ist. Und genau diese fehlende Hierarchie trieb mich immer wieder in denselben Konflikt – und einmal zurück in die Badewanne.
Solche Wertekonflikte stehen oft am Anfang, wenn Menschen sich überfordern. Ich merkte relativ schnell, dass mein unkluges Verhalten im Leistungssport kein Einzelfall war. Es dauerte aber noch einige Jahre, bis ich zwei Dinge erkannte: Erstens, dass Werte und Entscheidungen, oder genauer geklärte Werte und Entscheidungskraft, in einem unmittelbaren Zusammenhang stehen. Und zweitens, dass mein Wertekonflikt, der in einen Kreislaufkollaps führte, nicht nur ein Sportlerproblem ist. Ungeklärte Werte sind eine Art Berufskrankheit von Hochleistern – quer durch alle Bereiche.
Werte und Entscheidungen - Auf die Hierarchie kommt es an
Fragen Sie einen erfahrenen Manager, eine erfolgreiche Unternehmerin oder einen Spitzensportler nach ihren Werten – die meisten können ohne langes Nachdenken antworten. Integrität. Leistung. Familie. Gesundheit. Verantwortung. Nicht selten wissen sie sogar um den Zusammenhang von Werten und Entscheidungen. Mit ein Grund, warum die Antworten häufig schnell kommen und überzeugend klingen.
Das Problem liegt nicht im Fehlen von Werten. Es liegt daran, dass sie trotz allem unscharf sind.
Denn was bedeutet es konkret, wenn jemand sowohl Gesundheit als auch Leistung zu seinen wichtigsten Werten zählt – und beide auf Platz eins stehen? Solange es keinen Konflikt gibt, funktioniert das problemlos. Aber Hochleister leben nicht in konfliktfreien Zonen. Sie leben in der Überholspur. Und dort kommt der Moment unweigerlich, in dem zwei Werte gegeneinander arbeiten – und eine Entscheidung verlangt wird.
Wer in diesem Moment keine klare Hierarchie hat, entscheidet nicht. Der Zusammenhang zwischen Werten und Entscheidungen wird dann schmerzhaft spürbar: Er verhandelt mit sich selbst. Immer wieder. Unter Zeitdruck. Mit dem Ergebnis, das ich aus eigener Erfahrung kenne: Man zieht das Intervalltraining durch, obwohl der Körper Nein sagt.
Das ist kein Willensproblem. Es ist ein Orientierungsproblem.
Was das konkret kostet
Fehlende Werte-Klarheit ist selten dramatisch. Sie ist meistens leise.
Sie zeigt sich in Entscheidungen, die länger dauern als sie sollten. In einem diffusen Unbehagen nach Kompromissen, die sich nicht ganz richtig anfühlen. In einem unterschwelligen Stress, der sich nicht klar benennen lässt – weil er keinen offensichtlichen Auslöser hat.
Hochleister sind darin geübt, solche Signale zu überhören. Sie funktionieren weiter, sie liefern weiter, sie sind nach außen hin erfolgreich. Auch wenn die Werte diffus und die Entscheidungen wenig kraftvoll sind. Das spiegelt sich in einem wider, der sich in der Bilanz nicht abbildet: Sie verbrauchen Energie für interne Konflikte, die gar nicht entstehen müssten.
In meiner Arbeit mit Hochleistern aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft begegnet mir dieses Muster regelmäßig. Menschen, die objektiv viel erreicht haben – und trotzdem das Gefühl nicht loswerden, dass irgendetwas nicht stimmt. Dass der Erfolg sich nicht so anfühlt, wie er sollte. Dass sie zwar ankommen, aber nie wirklich da sind.
Fast immer liegt darunter dasselbe: keine klare Antwort auf die Frage, was ihnen wirklich am wichtigsten ist.
Was es braucht – und was das nicht bedeutet
Die Lösung klingt einfacher als sie ist: Werte nicht nur benennen, sondern in eine persönliche Hierarchie bringen. Welcher Wert hat Vorrang, wenn zwei in Konflikt geraten? Welcher ist unverzichtbar – und welcher ist verhandelbar?
Das ist keine philosophische Übung. Es ist eine praktische Voraussetzung für klare Werte und Entscheidungen – und für mehr Energie für das, was wirklich zählt.
Es bedeutet nicht, Werte in Stein zu meißeln. Werte entwickeln sich – mit der Lebensphase, mit neuen Erfahrungen, mit zunehmendem Alter. Aber wer seine Werte nicht kennt, kann sie auch nicht bewusst weiterentwickeln. Er wird von ihnen bald hierhin, bald dorthin getrieben – und ist nicht in der Lage, sie für seine Entscheidungsstärke zu nutzen.
Der Kompass ist vorhanden. Er muss aber kalibriert werden, damit er seine Funktion erfüllen kann.

Kostenfrei herunterladen!
Wer diesen Artikel bis hierhin gelesen hat, findet im E-Book "Selbstbestimmt im Stress" den nächsten konkreten Schritt.
Der erste Schritt
Werte-Klarheit entsteht nicht durch Nachdenken allein. Sie entsteht durch eine strukturierte Auseinandersetzung mit der Frage, was Ihnen wirklich wichtig ist – und in welcher Reihenfolge.
Das klingt nach einer Aufgabe für einen ruhigen Sonntagnachmittag. Tatsächlich ist es eine der wirkungsvollsten Investitionen, die Sie in Ihre eigene Entscheidungsstärke und mentale Belastbarkeit tätigen können.
Denn sobald Sie wissen, welcher Wert für Sie Vorrang hat – nicht theoretisch, sondern konkret und verbindlich – verändert sich der Zusammenhang zwischen Ihren Werten und Entscheidungen grundlegend. Entscheidungen, die früher zäh waren, werden klarer. Das diffuse Unbehagen nach Kompromissen nimmt ab. Und der unterschwellige Stress, der entsteht, wenn man sich selbst nicht treu ist, verliert seinen Nährboden.
Ich hätte mir damals, in der Badewanne, gewünscht, diese Klarheit gehabt zu haben. Sie hätte mir nicht nur ein schlechtes Training erspart – sondern jahrelange Reibungsverluste, die ich erst im Nachhinein als solche erkannte.
Wie klar ist Ihre Werte-Hierarchie? Und wann haben Sie sich zuletzt wirklich die Zeit genommen, darüber nachzudenken?
Ich hätte mir damals, in der Badewanne, gewünscht, diese Klarheit gehabt zu haben. Sie hätte mir nicht nur ein schlechtes Training erspart – sondern jahrelange Reibungsverluste, die ich erst im Nachhinein als solche erkannte. Denn das Tückische an fehlender Werte-Klarheit ist: Man spürt die Kosten, aber man sieht die Ursache nicht. Man arbeitet an den Symptomen, nicht an der Quelle.
Hinterlasse einen Kommentar