Ich oute mich – ich arbeite auch im Urlaub. Vor allem frühmorgens, wenn meine Frau noch schläft. Ich bin buchstäblich seit meinem allerersten Lebenstag ein Frühaufsteher, auch am Wochenende und im Urlaub.
So werde ich im Sommer also nicht nur von der Quelle bis zur Mündung dem Inn entlang radeln, sondern auch meinem Lebensmotto nachgehen: „Scribo ergo sum“ („Ich schreibe also bin ich“). Und ich werde wieder erholt zurückkehren. Voller Energie. Mit klarem Kopf. Es war noch nie anders.
Häufig habe ich für diese meine Haltung Unverständnis geerntet. Manchmal sogar Kopfschütteln. „Das ist doch kein richtiger Urlaub.“ Auch viele Stressexperten, mit denen ich in all den Jahren in Berührung kam, teilten diese Einschätzung: Erholung bedeutet Abschalten. Nichtstun. Leere.
Ich habe das wie gesagt nie so erlebt. Und ich habe lange gebraucht, um zu verstehen warum – bis ich auf ein Modell stieß, das meine eigene Erfahrung wissenschaftlich präzise beschreibt.
Denn Hochleister erholen sich anders. Nicht schlechter. Nicht falsch. Anders.

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Das Effort-Recovery-Modell: Was Erholung wirklich bedeutet
In den 1990er Jahren entwickelten die niederländischen Arbeitspsychologen Michiel Mulder und Theo Meijman ein Modell, das bis heute zu den einflussreichsten der Stressforschung gehört: das Effort-Recovery-Modell.
Die Kernaussage ist so einfach wie folgenreich: Erholung findet dann statt, wenn die psychophysiologischen Systeme, die bei der Arbeit beansprucht wurden, tatsächlich zur Ruhe kommen. Nicht früher. Und nicht automatisch.
Was bedeutet das konkret? Wenn wir arbeiten, aktivieren wir bestimmte körperliche und mentale Systeme: das Stresshormonsystem, die kognitive Aufmerksamkeit, die emotionale Regulationsfähigkeit. Diese Systeme sind auf Belastung ausgelegt – aber sie brauchen Phasen der Inaktivität, um sich zu regenerieren. Fehlen diese Phasen, akkumuliert sich die Belastung. Die Systeme bleiben dauerhaft aktiviert. Das Ergebnis ist das, was viele Hochleister kennen: ein Erschöpfungszustand, der sich durch Schlaf allein nicht mehr beheben lässt.
Hochleister erholen sich anders – aber warum?
Bei Menschen, die ihr Berufsleben mit hoher innerer Beteiligung gestalten, neigen die beanspruchten Systeme dazu, auch außerhalb der Arbeitszeit aktiv zu bleiben. Der Kopf plant weiter. Das Gedankenkarussell dreht sich. Das Stresssystem läuft auf Sparflamme – nicht weil eine akute Bedrohung vorliegt, sondern weil das Gehirn gelernt hat, dauerhaft in einem erhöhten Aktivierungszustand zu operieren.
Das ist kein Charakterfehler. Es ist eine Anpassung. Hochleister haben oft jahrelang trainiert, schnell zu denken, Probleme vorwegzunehmen, immer einen Schritt weiter zu sein. Das Gehirn macht genau das – auch dann, wenn es eigentlich pausieren sollte.
Die Konsequenz: Zwei Wochen Strand bedeuten für viele Hochleister nicht automatisch zwei Wochen Erholung. Sie bedeuten zwei Wochen, in denen der Körper stillhält – aber das innere Betriebssystem weiterläuft. Das klassische Erholungsrezept greift hier schlicht nicht. Nicht weil etwas nicht stimmt. Sondern weil Hochleister sich eben anders erholen.
Die entscheidende Unterscheidung: Welche Systeme kommen zur Ruhe?
Und jetzt wird es interessant – denn das Effort-Recovery-Modell erklärt nicht nur, warum manche Menschen im Urlaub nicht abschalten können. Es erklärt auch das Gegenteil.
Wer im Urlaub einer selbstgewählten, bedeutsamen Tätigkeit nachgeht – einer Idee, die ihn schon lange beschäftigt, einem Projekt, das er aus eigenem Antrieb verfolgt, einem Buch, das er schreiben möchte –, aktiviert andere Systeme als im Berufsalltag. Er beansprucht nicht die Systeme, die durch Termindruck, Fremdbestimmung und permanente Verfügbarkeit ermüdet sind. Er aktiviert stattdessen etwas anderes: Neugier, Autonomieerleben, Schöpfungslust.
Das sind keine Erschöpfungs-Systeme. Das sind Regenerations-Systeme.
Aus diesem Grund kommen Menschen, die im Urlaub an einer neuen Strategie gearbeitet oder ein Fachbuch begonnen haben, oft mit mehr Energie zurück als jemand, der pflichtbewusst den Laptop zugeklappt hat – aber innerlich nicht abschalten konnte.
Die entscheidende Frage ist also nicht: Arbeite ich im Urlaub oder nicht?
Viel mehr: Welche meiner inneren Systeme kommen wirklich zur Ruhe – und welche nicht?
Erholung ist kein Zustand der Leere
Diese Erkenntnis hat weitreichende Konsequenzen für das, was wir gemeinhin unter „Erholung" verstehen.
Das populäre Bild – Nichtstun, totales Abschalten, Abwesenheit von Gedanken – trifft für einen Teil der Bevölkerung zu. Für Hochleister, deren Identität eng mit ihrer Arbeit, ihren Projekten und ihrem Gestaltungswillen verknüpft ist, ist es oft eine Fiktion. Schlimmer noch: Es erzeugt ein schlechtes Gewissen, wenn man im Urlaub doch wieder an einer Idee arbeitet. Dieses schlechte Gewissen selbst ist ein Stressor.
Erholung ist kein Zustand der Leere. Sie ist ein Zustand der Selbstbestimmung.
Wer im Urlaub Mails beantwortet, weil er Angst hat, etwas zu verpassen, erholt sich nicht – unabhängig davon, wie viel oder wenig er arbeitet. Wer im Urlaub einer Idee folgt, weil er es will, erholt sich – auch wenn er dabei produktiv ist.
Der Unterschied liegt nicht im Verhalten. Er liegt in der inneren Haltung und in der Frage, welche Systeme gerade beansprucht werden.
Was das für Ihren Alltag bedeutet
Hochleister erholen sich anders – und wer das verstanden hat, kann Erholung gezielt gestalten statt sie dem Zufall zu überlassen.
Erstens: Regelmäßige echte Erholungsphasen im Alltag sind wirksamer als seltene lange Urlaube. Das Effort-Recovery-Modell zeigt: Je länger die Beanspruchung ohne Erholung anhält, desto mehr Zeit braucht die Regeneration. Kleine, konsequente Erholungsinseln – bewusste Mittagspausen, abendliche Rituale des wirklichen Abschaltens – sind keine Luxus, sondern Systemarchitektur.
Zweitens: Die Qualität der Erholung hängt davon ab, welche Systeme beansprucht wurden und welche zur Ruhe kommen. Wer kognitiv erschöpft ist, erholt sich durch körperliche Aktivität besser als durch passives Fernsehen. Wer emotional ausgelaugt ist, braucht Stille mehr als soziale Aktivität. Es gibt keine universelle Erholungsformel.
Drittens: Selbstbestimmung ist der stärkste Erholungsverstärker. Tätigkeiten, die wir aus eigenem Antrieb und mit innerer Überzeugung ausüben, regenerieren uns – selbst wenn sie anstrengend sind. Tätigkeiten, die wir aus Pflicht, Angst oder Außendruck ausüben, erschöpfen uns – selbst wenn sie „entspannend" wirken sollen.

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Fazit: Erholung verstehen, bevor man sie plant
Hochleister sind oft hervorragend darin, ihre Arbeitszeit zu optimieren. Sie sind deutlich schlechter darin, ihre Erholungszeit zu verstehen – weil sie jahrelang mit Ratschlägen konfrontiert wurden, die nicht für sie gemacht waren.
Das Effort-Recovery-Modell gibt dafür einen wissenschaftlich fundierten Rahmen: Erholung ist kein Zufall und keine Frage der Disziplin. Sie ist eine Frage des Systemverstehens.
Wer weiß, welche seiner inneren Systeme durch seinen Alltag beansprucht werden – und wer gezielt dafür sorgt, dass diese Systeme regelmäßig zur Ruhe kommen –, wird leistungsfähiger sein. Nicht trotz der Erholungsphasen. Wegen ihnen.
Spitzenenergie… auch morgen noch. Das ist kein Versprechen. Das ist Biologie.
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