Ein „Champion in der Niederlage“? Normalerweise verbinden wir Champions doch mit großen, beeindruckenden Siegen, aber doch nicht mit Niederlagen. Doch genau das ist ein großer, wenn auch weitverbreiteter Fehler. Denn wer Siege anstrebt, kommt um die Erfahrung der Niederlage nicht herum.
Niederlagen und Enttäuschungen gehören zum Leben dazu
Letztendlich müssen wir uns aber alle mit der Erfahrung von Niederlagen und Enttäuschungen auseinandersetzen. Sie gehören zu jedem Leben dazu, auch zu dem, nach welchen Maßstäben auch immer, erfolgreichsten. Auch und gerade Hochleister aus allen Bereichen wissen das.
Und sie wissen auch, dass manche besser mit Niederlagen umgehen können als andere. „Besser“ heißt in diesem Fall, dass sie nach der Niederlage sehr schnell wieder mit hohem Fokus weitergehen können, sie sind die "Champions in der Niederlage". „Schlechter“ heißt, dass die Niederlage sie wie gelähmt zurücklässt und sie lange Zeit nicht in der Lage sind, ihre alte Leistungsfähigkeit wieder abzurufen.

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Ein Radrennfahrer als Champion in der Niederlage
Ein äußerst beeindruckendes Beispiel für einen souveränen Umgang mit einer schmerzhaften Niederlage hat der Schweizer Radrennfahrer Fabian Jeker nach der Tour de Suisse 2004 gegeben. Die Landesrundfahrt ist das größte Sportereignis der Schweiz und entsprechend ist der Stellenwert der ihr in der Öffentlichkeit zukommt. Jeker war zu Beginn des letzten Tages der Tour im gelben Trikot des Führenden. Doch jetzt stand in Lugano noch ein Einzelzeitfahren an, die große Stärke seines Rivalen Jan Ullrich. Dieser gewann das Zeitfahren und schließlich auch die Tour de Suisse. Mit 1,37 Sekunden Vorsprung. Nach 1437,8 äußerst harten Kilometern, die auch schwere Alpenetappen einschlossen.
Natürlich hatten sowohl Ullrich als auch Jeker unmittelbar nach der Zieldurchfahrt einen Wald von Mikrofonen unter der Nase. Logisch, dass Jeker auch nach seiner Enttäuschung gefragt wurde. Und da sagte er diesen bemerkenswerten Satz: „Champions können verlieren. Und ich bin ein Champion.“ Jeker hat sich damit als echter Champion in der Niederlage erwiesen.
Schützen Sie Ihre Identität – auch und gerade in der Niederlage
Die Bedeutung, die diese Aussage für die mentale Gesundheit von Fabian Jeker hatte, war kaum zu überschätzen. Er hat sich damit geweigert, die Tatsache der verlorenen Tour de Suisse mit seiner Identität zu verknüpfen. Und das ist ja etwas, was tatsächlich viele Menschen nach großen Niederlagen machen und das Umfeld trägt leider noch häufig das ihrige dazu bei. Dann wird die Erfahrung der Niederlage ganz schnell zu „Ich bin ein Verlierer“ und wir haben statt eines Champions in der Niederlage eben einen Verlierer in der Niederlage. Damit verfestigt sich der Modus des Niedergeschlagen-seins und solche Menschen haben es ungleich schwerer, wieder auf die Füße zu kommen, als jemand, der wie Fabian Jeker nach einer Niederlage zu sich selbst sagt: „Champions können verlieren. Und ich bin ein Champion.“
Bewertungen von Erfahrungen
Wie jede andere Erfahrung auch, so bewerten wir auch Niederlagen in einer ganz bestimmten Weise. Die gefährlichste dieser Bewertungen haben wir schon besprochen, die Bewertung der eigenen Person nach einer Niederlage. Aber auch die Bewertung des Geschehnisses an sich ist von hoher Bedeutung und wir sollten da sehr, sehr vorsichtig sein, wenn wir eine solche vornehmen. Auch diese Bewertungen haben einen großen Einfluss auf unsere psychische Verfassung und auf die Energie, mit der wir zukünftige Herausforderungen anpacken.
Edison, ein Champion in der Niederlage
Viele Menschen, die ihre Erfahrungen schnell als „Misserfolg“ bewerten, nehmen für sich in Anspruch „nur realistisch“ zu sein. Wie man aber einen scheinbaren Misserfolg völlig anders bewerten kann, ohne irrealistisch zu sein, berichtete einst Walter S. Mallory, ein Geschäftspartner von Thomas Edison. Mallory besuchte den berühmten Erfinder in seinem Labor, nachdem dieser über 5 Monate an der Entwicklung einer neuartigen Nickel-Eisen-Batterie gearbeitet hatte. Dabei habe Edison, so Mallory, über neuntausend Experimente durchgeführt, die aber ohne brauchbares Ergebnis geblieben sind. Auf Mallorys Anteilnahme habe Edison sinngemäß geantwortet: „Ich habe eine Menge Ergebnisse! Ich kenne mehrere tausend Dinge, die nicht funktionieren.“ Hiermit hat sich also auch Edison als „Champion in der Niederlage“ erwiesen.
Bewertungen sind entscheidend
Unsere Bewertungen sind entscheidend, wenn es darum geht, auf eine gesunde Weise mit Niederlagen und Enttäuschungen aller Art umzugehen. Edison hatte wie erwähnt über neuntausend Versuche bei der Entwicklung der Eisen-Nickel-Batterie und eine ähnliche Anzahl bei der Erfindung der Glühbirne durchgeführt, die alle zunächst nicht zum Ziel geführt haben. Auch musste er einen sehr großen Anteil seiner Erfindungen in die sprichwörtliche Tonne kloppen. Er hätte sich also auch als äußerst erfolglosen Menschen betrachten können und das wäre sogar „realistisch“ gewesen. Aus anderem Blickwinkel war er aber äußerst erfolgreich und einer der reichsten Männer seiner Zeit.
Endgültige Niederlagen und Unabänderliches
Viele Niederlagen sind keineswegs endgültig und Sie können weitere Chancen nutzen, um hier oder dort zum Erfolg zu kommen. Es gehört zur ganzen Wahrheit aber dazu, dass manche Niederlagen endgültig sind. Eine Teilnahme an den Olympischen Spielen oder an einer Fußball-Weltmeisterschaft erlebt ein Sportler, wenn überhaupt, nur wenige Male, eine Prüfung an einer Universität kann man in der Regel nur zwei- oder dreimal wiederholen und je älter wir werden, je mehr schwinden die unterschiedlichsten Optionen im Leben. Es gehört also zu den großen Herausforderungen eines jeden Menschen, auch mit Unabänderlichem fertig zu werden.

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Champions im Leben
Das heißt aber auch, dass wir selbst im Angesicht von endgültigen Niederlagen, Enttäuschungen, Schicksalsschlägen gar, die Chance haben, noch „Champions im Leben“ zu werden. Eben Champions in der Niederlage, Champions in der Enttäuschung, bis hin zu Champions im Tragen von Schicksalsschlägen, von Krankheit und Leiden aller Art. Da geht es dann nicht mehr um das Erreichen von irgendwelchen äußeren Erfolgen, sondern um die Art und Weise wie ein Mensch diese Unabänderlichkeiten trägt. Hier eröffnet sich ein großer Strauß an Möglichkeiten, hohe Werte zu leben, sich zu wahrer menschlicher Größe und zu dem aufzuschwingen, was ich hier gerne bezeichnen will als „Champion im Leben“.
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