Nachdem „Burnout“ 1974 vom deutschstämmigen New Yorker Psychoanalytiker Herbert Freudenberger eingeführt worden ist, wurde der Begriff schnell populär, hatte aber einen entscheidenden Geburtsfehler: es gab keine verbindliche Definition dafür und nach welchen spezifischen Kriterien man einen Burnout zweifelsfrei erkennen konnte. Und verantwortlich für verbindliche Definitionen von Krankheiten ist allein die Weltgesundheitsorganisation WHO.
Diese gibt in unregelmäßigen Abständen einen Krankheitenkatalog heraus, den so genannten ICD (=Internation Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems). Dieser ist weltweit maßgeblich für Ärzte, Krankenkassen und alle anderen Teilnehmer des Gesundheitswesen. Seit 1992 war der ICD-10 in Kraft. 2019 wurde der ICD-11 verabschiedet, mit einem dreijährigen Vorlauf bis zum definitiven Inkrafttreten am 1. Januar 2022.
Deutschland reichte das nicht. Sieben Jahre nach der Verabschiedung ist hierzulande immer noch der ICD-10 in Kraft. Statt die Vorlaufzeit zu nutzen, verweist man auf die „hohe Integration der ICD-10-GM“ als Hindernis. Übersetzt in verständliches Deutsch bedeutet das: „Die bürokratische und abrechnungstechnische Infrastruktur ist so tief auf das 30 Jahre alte Vorgängersystem zugeschnitten, dass wir uns eine Modernisierung schlicht nicht zutrauen.“ Ein konkreter Einführungstermin? Nicht bekannt.
Burnout erkennen und der ICD
Für alle, die im Hochleistungsmodus arbeiten – und das ist ein erheblicher Teil der Leserinnen und Leser dieses Blogs – ist Burnout kein abstraktes Thema. Es ist eine reale Gefahr, die lange unterschätzt, falsch eingeordnet und systematisch unsichtbar gemacht wurde. Genau hier liegt die eigentliche Brisanz des ICD-11-Verzugs.
Mit dem ICD-11 gibt es erstmals eine verbindliche, international abgestimmte Definition von Burnout. Wobei hier eine wichtige Richtigstellung nötig ist, die auch seriöse Medien leider häufig übersehen: Streng genommen ist Burnout auch im ICD-11 nicht als eigenständige Krankheit anerkannt. Er wird nach wie vor unter „Faktoren, die den Gesundheitszustand beeinflussen“ geführt – und nicht im Kapitel der Krankheiten. Wer also behauptet, Burnout sei nun endlich als Krankheit anerkannt, greift leider etwas zu weit.
Burnout-Definition und drei Hauptkriterien
Was der ICD-11 aber tatsächlich geliefert hat, ist dennoch bedeutsam: eine klare, verbindliche Definition und die damit verbundenen Kriterien. Beides ist wichtig, um einen Burnout zu erkennen und beides gab es von der WHO bisher nicht. Die Definition lautet:
„Burnout ist ein Syndrom, das als Folge von chronischem Stress am Arbeitsplatz verstanden wird,
der nicht erfolgreich bewältigt wurde.“
Die drei erwähnten Hauptkriterien sind:
- Energielosigkeit und Erschöpfung. Gemeint ist nicht eine vorübergehende Müdigkeit nach einer anstrengenderen Arbeitsphase, sondern eine tiefgreifende Energielosigkeit, die sich auch durch Ausruhen oder Urlaub nicht überwinden lässt. Wenn es so weit gekommen ist, ist die Burnout-Entwicklung allerdings bereits sehr weit fortgeschritten.
- Zunehmende geistige Distanz, negative Haltung oder Zynismus gegenüber dem eigenen Job. Dieser Aspekt ist in der Praxis besonders wertvoll, weil er das frühzeitigste Merkmal darstellt, um einen Burnout erkennen zu können. Zynismus und innere Distanzierung verknüpfen sich meist mit konkreten Auslösern – Dauerstress, Überarbeitung, mangelnde Wertschätzung – und wenn in dieser Phase reagiert wird, besteht noch echte Chance auf Gegensteuerung. Wer das bei sich selbst oder bei Mitarbeitenden bemerkt, vor allem wenn es neu aufgetreten ist, sollte nicht zuwarten.
- Verringertes berufliches Leistungsvermögen. Auch dieses dritte Kriterium zeigt an, dass die Burnout-Entwicklung bereits weit fortgeschritten ist und dringend Behandlung erfordert.
Das mag alles sehr technisch klingen, hat aber sehr konkrete Konsequenzen. Solange Burnout im deutschen System nicht kodiert werden kann, verschwinden Burnout-Fälle statistisch in anderen Kategorien – meistens in der Depression. Wer an Burnout erkrankt, bekommt in Deutschland häufig nicht die Diagnose, die seinen Zustand tatsächlich beschreibt. Das beeinflusst Behandlungswege, Krankschreibungen und – besonders relevant – die Bewilligung von Reha-Maßnahmen und Kuren. ==>Youtube-Video „Burnout – Was ist das?“
Eine Definition mit Schönheitsfehlern
Die neue ICD-11-Definition ist trotz des Fortschritts nicht frei von Kritik. Burnout steht nach ICD-11 ausschließlich im Kontext von Erwerbsarbeit als Diagnose zur Verfügung. Wer als pflegender Angehöriger erschöpft zusammenbricht, wer sich im Ehrenamt verausgabt, wer zwischen Projekten und Familie zerrieben wird – all das fällt formal aus dem Burnout-Begriff heraus. Das ist eine erhebliche Einschränkung, die in der Fachdiskussion zu Recht kritisiert wird. Für Menschen, die außerhalb der Erwerbsarbeit psychisch und physisch erschöpfen, bleibt vorerst auf verwandte Konzepte wie die Erschöpfungsdepression zu verweisen.
Für Hochleister im Erwerbsleben ist die Definition dennoch ein Gewinn – sobald sie in Deutschland ankommt.
Warum diese Definition trotzdem so wichtig ist
Man muss verstehen, in welchem Zustand der Begriff „Burnout“ in den letzten Jahren angekommen war, um den Wert einer verbindlichen Definition wirklich zu ermessen. Der jahrelange, extrem inflationäre Gebrauch des Begriffs durch Medien und Öffentlichkeit hatte dazu geführt, dass mit ihm kaum noch etwas sinnvoll anzufangen war. Bald wurde jede Erschöpfung als Burnout etikettiert, kaum noch differenziert, und viele – darunter auch Fachleute – haben beim Thema nur noch müde abgewinkt. Der Begriff hatte sich durch Überbenutzung selbst entwertet.
Das hat echten Schaden angerichtet. Denn wer nicht mehr ernst genommen wird, sucht seltener Hilfe. Wer seinen Zustand nicht benennen kann, kann ihn auch schwerer kommunizieren – gegenüber dem Arzt, dem Arbeitgeber, der eigenen Familie. Und wer keine klare Definition hat, kann auch nicht klar erkennen, ob er selbst betroffen ist.
Genau deshalb ist die WHO-Definition, so nüchtern sie klingt, ein echter Fortschritt. Sie zieht eine Grenze und sagt: Das ist Burnout – und das ist es nicht. So macht die verbindliche Definition den Begriff wieder handhabbar, für Betroffene, für Vorgesetzte, für das Gesundheitssystem. Jetzt kommt es darauf an, aus dieser Definition das Beste zu machen – und sie endlich auch in Deutschland anzuwenden.
Was das strukturell bedeutet
Es geht beim ICD-11-Verzug nicht um eine technische Fußnote. Es geht um ein Muster. Der ICD-11 enthält nicht nur endlich eine verbindliche Burnout-Definition, sondern grundlegende Verbesserungen in der Klassifikation zahlreicher Erkrankungen – bei Long Covid, bei chronischen Schmerzsyndromen, bei einer Reihe seltener Krankheiten. All das bleibt im deutschen Versorgungsalltag und in der Statistik vorerst unberücksichtigt.
Was es besonders ernüchternd macht: Es geht hier nicht um fehlende wissenschaftliche Erkenntnis oder ungelöste Forschungsfragen. Die Arbeit ist getan, die WHO hat geliefert. Es scheitert an Verwaltung, Abrechnungssystemen und dem Unwillen, bestehende Strukturen anzupassen. Das ist ein strukturelles Problem des deutschen Gesundheitswesens, das sich in vielen anderen Bereichen genauso zeigt – Digitalisierung, elektronische Patientenakte, Telematikinfrastruktur. Der ICD-11 ist in gewisser Weise nur ein weiteres Kapitel derselben Geschichte.
Für Menschen, die leistungsorientiert arbeiten und sich um ihre psychische Gesundheit Gedanken machen, ist das eine unbefriedigende Nachricht. Das System, das sie im Ernstfall auffangen soll, arbeitet noch mit dem Vokabular von gestern.
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