Haben Sie Stress? Ja? Dann herzlichen Glückwunsch dazu. Nein, das meine ich überhaupt nicht ironisch. Wenn Sie noch Stresshormone produzieren, dann heißt das zunächst einmal: Ihre Nebennieren – die Hauptproduktionsstätte dieser Hormone – arbeiten noch. Und das ist eine gute Nachricht. Denn wenn sie es irgendwann nicht mehr tun, wird es richtig gefährlich. Doch davon ein anderes Mal.

Lassen Sie uns zunächst mit einem verbreiteten Missverständnis aufräumen: Stress ist nicht Ihr Feind. Jedenfalls nicht grundsätzlich. Er wird erst dann zu Ihrem Feind, wenn Sie ihn falsch dosieren.

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Stress ist die Würze des Lebens

„Stress ist die Würze des Lebens", meinte der Österreich-Kanadier Hans Selye, der Vater der Stressforschung und „Erfinder" des Stress-Begriffs. Und er wusste, wovon er sprach. Stress sorgt dafür, dass wir in besonderen Situationen zu besonderen Leistungen fähig sind. Er schärft unsere Aufmerksamkeit, mobilisiert Energie, lässt uns fokussieren, wenn es darauf ankommt. Kurz: Er macht uns in der entscheidenden Sekunde besser, als wir es im Ruhezustand je wären.

Das ist kein Zufall, sondern das Ergebnis von Jahrmillionen Evolution. Der Stressimpuls hat unsere Vorfahren am Leben gehalten – er stellte in Sekundenbruchteilen die Energie bereit, um zu kämpfen oder zu fliehen. Was einst dem Überleben in der Wildnis diente, dient uns heute im Konferenzraum: Derselbe Mechanismus, der den Puls hochtreibt und die Sinne schärft, verschafft Ihnen im entscheidenden Termin die nötige Präsenz.

Denken Sie an die letzte wirklich wichtige Präsentation, an das entscheidende Verhandlungsgespräch, an den Moment, in dem alles auf dem Spiel stand. War da nicht diese Anspannung, dieses Wachsein, dieses „Jetzt gilt es"? Genau das ist Stress in seiner konstruktiven Form. Selye nannte ihn Eustress – den „guten" Stress, der uns wachsen lässt. Die Stresshormone sind also erst einmal ganz grundsätzlich eine fantastische Einrichtung unseres Körpers. Ohne sie gäbe es keine Höchstleistung, keine Entwicklung, keinen Fortschritt.

Vom Freund zum Feind: Auf die Dosis kommt es an

Doch „allzu viel ist ungesund", weiß nicht nur der Volksmund. Was in der akuten Belastung ein brillanter Verbündeter ist, wird im Dauerzustand zum stillen Saboteur. Auch das hat Selye beschrieben: Auf die Alarm- und die Widerstandsphase folgt, wenn die Belastung nicht endet, die Erschöpfung. Der Körper, der eigentlich für kurze, heftige Belastungsspitzen gebaut ist, läuft dann im Dauerbetrieb – und dafür ist er nicht gemacht. Dahinter steht ein einfacher biologischer Zusammenhang: Das Stresshormon Cortisol, in Maßen ein wertvoller Wachmacher, wird im Dauerbetrieb zum Problem. Es hält den Organismus in permanenter Alarmbereitschaft, in der Reparatur, Regeneration und Immunabwehr nur noch auf Sparflamme laufen. Was für Stunden gedacht war, entfaltet über Monate seine zerstörerische Wirkung.

Genau hier liegt das Problem unserer Zeit. Wir sind ständig erreichbar, ständig „an", ständig unter Strom. Die Grenze zwischen Anspannung und Entspannung, zwischen Arbeit und Erholung verschwimmt. Der kurze, funktionale Stressimpuls aus Selyes Beobachtungen ist für viele Hochleister zu einem permanenten Grundrauschen geworden. Und dieses Grundrauschen ist es, das auf Dauer krank macht – mit fatalen Folgen: Schlafstörungen, geschwächtes Immunsystem, Herz-Kreislauf-Belastungen und am Ende jenes Erschöpfungssyndrom, das wir Burnout nennen.

Der entscheidende Punkt ist also nicht die Frage „Stress oder kein Stress?". Diese Frage stellt sich für Menschen wie Sie ohnehin nicht. Die entscheidende Frage lautet: in welcher Dosis, in welchem Rhythmus – und wofür?


Gesund im Stress heißt nicht frei von Stress

Vielleicht überrascht es Sie, aber das Ziel dieses Blogs ist ausdrücklich nicht ein stressfreies Leben. Ein Dasein ohne jede Anspannung wäre nicht nur langweilig – für einen Hochleister wäre es schlicht kein erstrebenswertes Leben. Wer etwas bewegen will, wer gestaltet, führt, forscht, Verantwortung trägt, der lebt zwangsläufig mit Belastung.

„Gesund im Stress" meint deshalb etwas anderes: die Fähigkeit, mitten in der Belastung gesund zu bleiben. Nicht der Belastung zu entfliehen, sondern ihr gewachsen zu sein. Und das gelingt nicht durch Weniger allein, sondern durch Rhythmus – durch den bewussten Wechsel von Anspannung und Erholung.

Hier lohnt ein genauer Blick darauf, wie Hochleister sich tatsächlich regenerieren. Nicht durch passives Nichtstun in der Hängematte – das entspricht selten ihrer Natur. Sondern durch bewusste, oft sogar aktive Erholung: durch das gezielte Herunterfahren des einen Systems und das Aktivieren eines anderen. Für den einen ist das der Sport, der den Kopf leert; für die andere die Stunde am Klavier, das Gespräch mit einem klugen Menschen oder die konzentrierte Arbeit an etwas ganz anderem. Entscheidend ist nicht die Form, sondern der bewusste Wechsel. Erholung ist bei Hochleistern kein Loslassen ins Leere, sondern ein strategischer Bestandteil ihrer Leistungsfähigkeit. Wer das verstanden hat, hört auf, Erholung als Gegnerin der Produktivität zu betrachten – und beginnt, sie als deren Voraussetzung zu begreifen.

Was Stress erträglich – und gesund – macht

Der wirkungsvollste Schutz vor der schädlichen Seite des Stresses liegt jedoch tiefer. Er liegt nicht nur im Wie der Belastung, sondern im Wofür. Zwei Menschen können objektiv derselben Belastung ausgesetzt sein – der eine zerbricht daran, der andere wächst. Der Unterschied liegt selten in der Belastung selbst. Er liegt darin, ob sie einen Sinn ergibt.

Genau hier setzt der Resilienz-Ansatz der StressFrey-Akademie an. Belastung, die im Einklang mit Ihren Werten steht, die einem für Sie bedeutsamen Ziel dient und die sich in einen größeren Sinn einfügt, wird anders erlebt und anders verarbeitet als sinnlos empfundener Druck. Aus Distress wird Eustress. Deshalb ruht nachhaltige Resilienz auf drei Bewusstseins-Ebenen: dem Werte-Bewusstsein, dem Ziel-Bewusstsein und dem Sinn-Bewusstsein. Wer diese drei Ebenen für sich geklärt hat, verfügt über einen inneren Kompass, der auch in stürmischen Zeiten die Richtung hält. Er macht den Stress nicht kleiner – aber er macht ihn tragbar.

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Sind Sie hier richtig?

Damit ist die Aufgabe dieses Blogs abgesteckt. Sind Sie ein Mensch, der – als Unternehmerin, als Führungskraft, als Wissenschaftler, als Verantwortungsträger – für sich akzeptiert hat, dass ein gewisses Maß an Stress zu einem interessanten und herausfordernden Leben dazugehört? Und wollen Sie zugleich Impulse erhalten, wie Sie diesen Stress so bewältigen, dass Sie auch morgen noch gesund und leistungsfähig sind – und Burnout bei Ihnen keine Chance hat?

Wenn Sie diese beiden Fragen bejahen, dann sind Sie hier genau richtig. Denn darum geht es: nicht darum, das Feuer zu löschen, mit dem Sie brennen – sondern darum, dafür zu sorgen, dass Sie brennen, ohne auszubrennen.

Markus Frey