In den 80er Jahren hat das Burnoutsyndrom mit dem Etikett „Managerkrankheit“ einen ersten Medienhype erreicht. Seither überschlagen sich Leitartikler, so genannte Experten und Direktbetroffene mit Ratschlägen, wie die weitere Verbreitung möglichst effektiv zurückgedrängt werden kann. Herausgekommen ist für die Burnoutprävention… erschreckend wenig. Zwei Gründe waren und sind dafür ausschlaggebend:

 

1. Der erhobene Zeigefinger

In den vergangenen 30 Jahren wurden unzählige Artikel über „Burnout“ geschrieben, Fernseh- und Radioberichte gesendet und auch in den neuen Medien nicht wenig zum Thema veröffentlicht. Viele suchten vor allem einen Schuldigen und fanden ihn meistens auch ziemlich schnell. Die einen meinten „das System,“ „die Arbeitgeber“ oder gleich „die ganze Gesellschaft“ sei als Hauptschuldige(r) zu benennen. Die anderen betonten, es sei ganz im Gegenteil das Individuum, der oder die Direktbetroffene, der das Burnoutsyndrom letztlich allein zu verantworten habe.

 

2. Das Work-Life-Balance-Konzept

Der zweite Grund für unsere Erfolglosigkeit in Sachen Burnoutprävention liegt paradoxerweise im Work-Life-Balance-Konzept. Als dieses 1986 zum ersten Mal einer breiteren Öffentlichkeit bekanntgemacht wurde, geschah dies vor allem mit dem Anspruch, die(!) Lösung für das Burnout-Problem zu sein. Auch hier war der Übeltäter schnell ausgemacht: es war die Arbeit an sich. Also nicht erst die überfordernde, stumpfe, scheinbar sinnlose oder ausbeutende Arbeit. Deutlich wird das schon am Begriff „Work-Life-Balance“, in dem die Arbeit dem Leben als (negativer) Gegenpol, quasifeindlich gegenübergestellt und nicht etwa als Teil des Lebens akzeptiert wird. Damit leisten die Vertreter des Konzepts einer grundsätzlich negativen Einstellung zur Arbeit Vorschub, was das Burnoutrisiko sogar noch verschärft. Bemühungen zur Burnoutprävention werden damit konterkariert.

 

Verantwortung abschieben

In all diesen Fällen kommt es folgerichtig zu einem Abschieben der Verantwortung. Einig sind sich die verschiedenen Beteiligten nur darin, dass man selbst auf keinen Fall für die Burnoutprävention verantwortlich ist. Und wenn sich niemand verantwortlich fühlt, kann es logischerweise auch kaum zu einer Zusammenarbeit kommen. Es ist ja eh klar, dass der jeweils andere schuld ist; je nach Position der Direktbetroffene, der Arbeitgeber, die Gesellschaft oder „das System.“
Im Einzelfall gibt es immer Lösungsmöglichkeiten und für Direktbetroffene auch manche gute Therapie- und Präventionsansätze. Häufig sind sie allerdings damit verbunden, dass der Patient die alte Lebens-, d.h. meistens Arbeitssituation, verlassen muss. Betrieblich ändert sich danach meistens wenig bis nichts, gesamtgesellschaftlich schon gar nicht.

 

Zutaten einer erfolgreichen Burnoutprävention

Wenn wir also bei der Burnoutprävention auf breiter Ebene erfolgreich sein wollen, dann müssen wir zunächst unsere ausgestreckten Zeigefinger zurücknehmen. Es geht darum, dass wir Überforderungsrisiken, die es sowohl auf individueller, als auch auf struktureller Ebene zuhauf gibt, erkennen. Aber eben ohne Schuldzuweisung auf persönlicher, betrieblicher und schließlich auch gesellschaftlicher Ebene. Erst dann können wir auch wirksam gegensteuern und das Burnoutrisiko insgesamt eindämmen.

 

Sinndefizit abbauen

Und schließlich müssen wir auch erkennen, dass das Burnoutsyndrom mehr als mit allem anderen mit einem Sinndefizit in Zusammenhang steht. Hier besteht also das Gegensteuer darin, dass wir uns zunächst mit der Frage des Sinns unserer Arbeit auseinandersetzen. In der Folge können wir dann sowohl auf der persönlichen, als auch auf der betrieblichen und schließlich auch auf der gesellschaftlichen Ebene entsprechende Entscheidungen auf den Weg bringen. Weder ein nachhaltig wirksames Konzept für ein alltagstaugliches Stressmanagement noch für eine ebensolche Burnoutprävention ist ohne Einbezug der Sinnfrage(n) zu haben.

Markus Frey, Life-Coach, Köln
info(ät)stressfrey.de

Quelle: https://www.nzz.ch/wirtschaft/firmen-sehen-stress-burnout-oder-mobbing-oft-als-individuelles-problem-der-mitarbeiter-ld.1397053

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