Seit Jahren wird Work-Life-Balance als DIE Lösung für eine wirksame Burnout-Prävention verkauft. Kaum ein Ratgeber, kaum ein Führungskräfte-Seminar kommt ohne den Begriff aus. Doch das Konzept nutzt nicht nur nichts, es schadet sogar. Vor allem jenen, die hochmotiviert waren, aber die Grenzen ihrer physischen und psychischen Belastbarkeit überschritten haben. Wenn diese ehemaligen Hochleister nun auch noch mit dem Denken „behandelt“ werden, das mit dem Work-Life-Balance-Begriff verbunden ist, dann ist der Identitätsabbruch und ein (weiterer), oft dramatischer, Abfluss mentaler Ressourcen leider meistens auch nicht weit. Kurz und knapp: für die Risikogruppe der stark intrinsisch motivierten Hochleister ist das Work-Life-Balance-Konzept nichts weniger als kontraindiziert, ein schwerer Behandlungsfehler sozusagen.

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Geburtsfehler eines Begriffes

Wie ich dazu komme? Schließlich steht Work-Life-Balance seit nunmehr 40 Jahren für ein ausgeglichenes Leben und als Gegenmittel für insbesondere jene, die gefährdet sind, ihre grundlegenden körperlichen und sozialen Bedürfnisse zu missachten.

Dagegen ist erstmal nichts einzuwenden, im Gegenteil. Aber das Work-Life-Balance-Konzept belässt es nicht dabei, sondern hat in dem Begriff selbst leider einen Geburtsfehler eingebaut, der eine weitere, in ihrer Wirkung fatale, Botschaft vermittelt.

Eine „Balance“ ist eine Waage, d.h. wenn wir zwei Begriffe mit dem Wort „Balance“ verbinden, dann funktioniert das damit verbundene sprachliche Bild nur, wenn der Inhalt der einen Waagschale mit dem Inhalt der anderen Waagschale… nichts zu tun hat. Wenn ich also Arbeit („Work“) und Leben („Life“) wie bei einer alten Kaufmannswaage in Balance bringen soll, dann sind Arbeit und Leben Gegenspieler. Die Arbeit kann nach dem Work-Life-Balance-Konzept folglich keine Teilmenge des Lebens sein, denn sonst funktioniert wie gesagt das sprachliche Bild von der Work-Life-Balance nicht.


Eine fatale Botschaft

Damit transportiert der Work-Life-Balance-Begriff selbst eine Botschaft, die die mentale Gesundheit insbesondere von Hochleistern direkt angreift: nämlich die Botschaft, dass die Berufsarbeit etwas anderes als das „wirkliche“ Leben sei und getrennt von diesem betrachtet werden müsse. Ist die Arbeit aber erst einmal aus dem Leben herausdefiniert, bleibt für sie nur eine Rolle übrig – die des notwendigen Übels, das man so weit wie möglich begrenzen muss. Arbeit als Gegensatz zum „wirklichen“ Leben, als das große Minus in der persönlichen Lebensqualitäts-Bilanz.

Für Menschen, die hohe Ziele verfolgen und deren Arbeit oft eng mit ihrer Identität und ihrem persönlichen Beitrag verbunden ist, ist dieses Bild besonders unpassend – und besonders zersetzend. Wer lernt, dass das, womit er bisher einen erheblichen Teil seiner wachen Zeit verbracht hat, eigentlich ein Abzugsposten sein soll, verursacht einen Identitätsabbruch und sägt damit an einem tragenden Ast seiner Persönlichkeit und seiner Resilienz.


Work-Life-Balance – weit mehr als ein semantisches Problem

Man könnte das für Wortklauberei halten und zur Tagesordnung übergehen. Der Begriff hat schließlich eine steile Karriere hinter sich und ist bestens eingeführt. Dumm nur, dass dieses Verständnis von Arbeit als notwendigem Übel schon seit der Einführung des Begriffes die öffentliche Diskussion dominiert – und damit sehr reale Folgen hat.

Auch nach Vortragsveranstaltungen, im Coaching und in vielen Gesprächen im privaten und beruflichen Umfeld begegnet mir diese Philosophie immer wieder. Ihre praktische Konsequenz ist eine Logik der ständigen Reduktion: Die Arbeitszeit kann eigentlich nie kurz genug sein. Kein Wunder, dass vor der Folie von Work-Life-Balance viele Verbesserungen der Arbeitswelt und erst recht die Schaffung von Möglichkeiten, die Arbeit als sinnhaft zu erleben nicht eben wichtig zu sein scheinen. Immer wieder wird deutlich, dass die Reduktion der Zeit, die Burnout-Gefährdete in der Arbeitswelt verbringen müssen, als weit wichtiger angesehen wird. Und natürlich kommt unter diesen Vorzeichen auch kaum jemand auf die Idee, seinen Beruf als Berufung anzustreben: als eine Aufgabe, die dem eigenen Leben neben anderen Bereichen einen Sinn verleiht.

Genau hier verschenkt die Work-Life-Balance-Denke ihre größte Chance. Denn sie lenkt die ganze Aufmerksamkeit auf die Frage „Wie kann ich die Arbeit möglichst weitgehend aus meinem Leben verbannen?“ – und nie auf die viel wichtigere Frage: „Wie wird meine Arbeit sinnvoller?“


Wir brauchen eine positive Philosophie von der Arbeit

Und diese zweite Frage ist eine der bedeutendsten Bausteine einer nachhaltig wirksamen Burnout-Prävention. Vieles spricht dafür: Wer sein Leben im Allgemeinen und seine Arbeit im Besonderen mit einem Sinn verbinden kann, ist besser geschützt als durch viele Einzelmaßnahmen, so hilfreich diese für sich genommen sein mögen.

Ein Beispiel macht das anschaulich: Stellen Sie sich jemanden vor, der nach dem Work-Life-Balance-Lehrbuch alles richtig macht: Er arbeitet nicht mehr als seine 38 ½ Stunden in der Woche, schläft ausreichend, joggt dreimal die Woche und pflegt seine Beziehungen. Erlebt dieser Mensch seine Arbeit dennoch als sinnlosen, bloßen Gelderwerb, ist er stärker gefährdet, in eine psychophysische Erschöpfung zu geraten, als jemand, der seine Haupttätigkeit als Berufung erlebt und mit einem Sinn verbinden kann – selbst wenn dieser deutlich mehr arbeitet.

Nicht die Zahl der Stunden entscheidet also allein. Es entscheidet mit, ob diese Stunden für den Betreffenden eine Bedeutung tragen. Und genau diese Dimension blendet das Work-Life-Balance-Konzept systematisch aus.

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Kein Plädoyer für die Missachtung von Grenzen

Damit hier kein Missverständnis entsteht: Das ist ausdrücklich kein Freibrief, körperliche und psychische Grenzen zu ignorieren. – nach dem Motto „Wenn ich nur genug Sinn empfinde, kann ich pausenlos und ohne Rücksicht auf Verluste arbeiten.“ Wer so denkt, verwechselt Berufung mit Selbstausbeutung. Grenzen bleiben Grenzen, Erholung bleibt notwendig. Und auch der sinnerfüllteste Mensch braucht Schlaf, Bewegung, eine vitalstoffreiche Ernährung und tragende Beziehungen.

Der Punkt ist ein anderer. Solange wir Arbeit weiterhin als Gegensatz zum „wirklichen“ Leben betrachten, berauben wir uns einer großen Chance – der Chance auf ein sinn- und wertvolles Leben, in dem die Arbeit nicht der Feind der Erholung ist, sondern ein wesentlicher Teil des Ganzen.

Ein solches Leben ist von einem inneren Feuer geprägt, das nicht ausbrennt, sondern uns dauerhaft mit Energie versorgt. Nicht die Trennung schützt uns also am besten vor der Erschöpfung, sondern Integration und Sinn. Das ist die positive Philosophie von der Arbeit, die wir dringender bräuchten als jede Work-Life-Balance-Formel – und die am Ende dem Ziel viel näher kommt, das Work-Life-Balance immer versprochen aber nie gehalten hat.

Markus Frey


PS Dieser Artikel wurde unter dem gleichen Titel schon 2014 veröffentlicht. In 2026 ist er aber stark überarbeitet und erweitert worden, weshalb er neu veröffentlicht wurde.