Wenn Entspannung zur Gewohnheit wird – der Beginn eines gefährlichen Musters

Aus der Arbeitsmedizin kommen seit Jahren Hinweise, die vor einem unterschätzten Muster warnen: Führungskräfte greifen überdurchschnittlich oft zu Alkohol oder Medikamenten, um Stress abzubauen oder durchzuhalten. Der Beginn ist oft funktional – man möchte besser schlafen, schneller abschalten, ruhiger und konzentrierter werden. Und tatsächlich: Kurzfristig wirkt es. Der Druck nimmt gefühlt ab, das Gedankenkarussell verlangsamt sich, man fühlt sich ausgeglichener.

Doch diese scheinbare Hilfe hat ihren Preis. Denn mit zunehmender Gewöhnung verlangt der Körper immer häufiger und in höheren Dosen nach dem Mittel, um die gleiche Wirkung zu erzielen. Ein Teufelskreis beginnt: Die Grenze zwischen Genuss und Kompensation verschwimmt. Gleichzeitig sinkt die Fähigkeit, Stress eigenständig zu regulieren – ohne äußere Substanzen.

Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) ging für 2024 von 2,2 Millionen  Erwachsenen zwischen 18 und 64 Jahren aus, die unter einer Alkoholabhängigkeit litten. Dazu kamen noch weitere 1,7 Millionen, die regelmäßig missbräuchlich Alkohol konsumierten, sodass die DHS von 3,9 Millionen Menschen in dieser Altersgruppe ausging, die eine alkoholbezogene Störung aufwiesen. Insgesamt seien es sogar rund 9,5 Millionen Erwachsene, die regelmäßig so viel Alkohol konsumierten, dass sie ihre Gesundheit langfristig ernsthaft gefährdeten. Insbesondere das Risiko für Krebs, Leber- und Herzkrankheiten steigt damit signifikant an. Besonders betroffen sind auch gut ausgebildete Berufsgruppen – vor allem Manager, leitende Angestellte und Menschen in hohen Verantwortungspositionen.

Warum gerade Führungskräfte besonders gefährdet sind

Führungskräfte erleben nicht nur Stress – sie sollen ihn gleichzeitig souverän bewältigen. Das erzeugt eine paradoxe Spannung: Nach außen Stärke zeigen, innen Verletzlichkeit nicht wahrnehmen oder nicht zeigen dürfen. Typische Risikofaktoren sind:

1. Fehlende Erholungsräume
Viele Führungskräfte sind permanent erreichbar. Homeoffice und Digitalisierung haben haben die Versuchung, diese Grenzen zu verwischen, weiter verstärkt. Viele schaffen es nicht, dieser Versuchung zu widerstehen und Grenzen zu setzen und durchzusetzen. Abschalten und Erholung wird dadurch zunehmend erschwert. 

2. Hohe Selbstansprüche
Viele Verantwortungsträger messen sich nicht nur am Ergebnis, sondern auch an perfekter Kontrolle und innerer Stabilität. Schwäche zu zeigen fällt schwer.

3. Kulturelle Normalisierung
Geschäftsessen, Hotelbars, After-Work-Events – Alkohol ist in vielen Führungskreisen eine akzeptierte und oft erwartete soziale Komponente.

4. Geringere soziale Kontrolle
Führungskräfte sind seltener mit Kolleginnen und Kollegen auf Augenhöhe unterwegs. Auffälliger Konsum bleibt oft länger unbemerkt.

5. Verspätete Hilfe
Aus Scham oder Angst um das berufliche Ansehen scheuen viele Betroffene den Arztbesuch oder professionelle Hilfe – oft bis es zu spät ist.

Sucht bleibt oft unsichtbar – besonders in gehobenen Positionen

Abhängigkeit zeigt sich bei Führungskräften oft anders als bei klassischen Suchtbildern. Es sind weniger sozial auffällige Verhaltensweisen, sondern subtile psychische und körperliche Veränderungen:

  • Schlafstörungen, innere Unruhe, Nervosität

  • Verdeckter Konsum (z. B. Leistungs-Medikamente, Schlaftabletten, Alkohol „zur Regulierung“)

  • Nachlassende Konzentrationsfähigkeit

  • Gereiztheit, emotionale Erschöpfung, Rückzug

  • Gefühl der inneren Unfreiheit („Ich brauche das jetzt …“)

Der Suchtbegriff greift dabei oft zu spät. Häufig beginnt das Problem viel früher – als Stressregulationsstörung, als Verlust einer gesunden inneren Balance.

Wertebewusstsein als Schutzfaktor – innere Stabilität statt äußere Betäubung

Ein entscheidender Schutzfaktor gegen stressbedingte Suchtdynamiken ist innere Klarheit. Menschen, die ihre Werte, ihre Sinnorientierung und ihre Grenzen kennen, entwickeln eine höhere innere Resilienz und emotionale Souveränität. Sie greifen seltener zu äußeren Hilfsmitteln, weil sie über robuste innere Strategien verfügen.

Gerade Führungskräfte brauchen diese Stabilität mehr als andere – nicht nur für sich selbst, sondern auch, weil sie Vorbilder sind. Wer seine Entscheidungen auf Grundlage von Sinn, Prioritäten und Werten trifft, entwickelt eine Form von Selbstführung, die langfristig befreiender wirkt als jedes Glas Wein nach einem stressigen Tag.

Reflexion statt Verdrängung – erste Schritte zur Prävention

Die beste Prävention ist nicht moralische Belehrung – sondern ehrliche Selbstreflexion:

  • Wie oft nutze ich Alkohol oder Medikamente wirklich als Entspannung – und nicht als Genuss?

  • Was wäre, wenn ich sie eine Zeit lang wegließe – wie würde es mir körperlich und emotional gehen?

  • Welche inneren Ressourcen stehen mir zur Verfügung – außer äußeren Mitteln?

  • Habe ich ein Umfeld, in dem echte Erholung und Austausch möglich sind?

Wer diese Fragen ehrlich beantwortet, erkennt schnell, ob sich ungesunde Muster bilden. Und genau hier gilt ein zentraler Grundsatz: Hilfe suchen ist kein Zeichen von Schwäche – sondern von Selbstverantwortung.

Was zu tun ist – und warum es nie zu früh ist

Wie bei allen gesundheitlichen Risikofaktoren entscheidet der Zeitpunkt. Je früher Betroffene aktiv gegensteuern, desto besser ist die Prognose. Das gilt auch für vermeintlich „harmlosen“ Konsum. Wer frühzeitig mit einer Ärztin, einem Betriebsmediziner oder Coach spricht, kann den Trend stoppen, bevor er zur Spirale wird.

Auch Organisationen sind gefragt. Moderne Unternehmen setzen zunehmend auf Prävention, Gesundheitskultur und psychologische Sicherheit. Das Ziel: Führungskräfte nicht nur leistungsfähig halten, sondern langfristig gesund und innerlich stabil.


Fazit:

Hochleister und Führungskraft zu sein und womöglich auch noch im Brennglas der öffentlichen Aufmerksamkeit zu stehen, bedeutet nicht, unverwundbar zu sein. Im Gegenteil: Je höher die Verantwortung, desto wichtiger ist es, sich selbst gut zu führen – nicht nur auf Leistungsebene, sondern auch auf emotionaler und gesundheitlicher Ebene. Wer rechtzeitig reflektiert, seine Bedürfnisse ernst nimmt und Unterstützung annimmt, schützt nicht nur sich selbst, sondern lebt echte Persönlichkeits- und Führungsstärke: bewusst, klar und selbstbestimmt.

Markus Frey