Ganz ehrlich, manchmal kann auch ich die „Du musst Deine Komfortzone verlassen!“-Rufe der Motivationsgurus nicht mehr hören. Vor allem deshalb nicht, weil sie häufig die Schwierigkeiten ignorieren oder zumindest kleinreden, die dabei entstehen. Wenn man aber Menschen helfen will (und das tue ich) Komfortzonen zu verlassen, dann muss man zuerst diesen Schwierigkeiten ins Auge sehen, um sie dann mutig anzupacken.
Die Schwierigkeiten beim Verlassen der Komfortzone zeigen sich zunächst in drei Irrtümern:

Irrtum Nr. 1 – Die Komfortzone verlassen ist nicht immer der richtige Weg

In jeder Situation habe ich einen „Preis“ zu bezahlen. Ich habe einen Preis zu bezahlen, wenn ich in der Situation verbleibe und ich habe einen Preis zu bezahlen, wenn ich sie verlasse. Und es ist zwar auch wahr, dass jede Chance auch ein Risiko beinhaltet, aber manchmal ist das Risiko wirklich zu groß und die Erfolgschance zu klein. Das ist vor allem dann der Fall, wenn die notwendigen Ressourcen an Personal, Zeit und Geld für ein bestimmtes Vorhaben nicht zur Verfügung stehen. Da gilt es immer, sorgfältig abzuwägen, auch wenn der Einwand, dass es niemals eine 100%ige Erfolgsgarantie geben kann, natürlich auch seine Berechtigung hat.

Irrtum Nr. 2 – Die Komfortzone muss nicht komfortabel sein

Vor kurzem hat jemand in einer Socialmedia-Diskussion eingewandt, dass sie die Komfortzone jeden Tag verlasse, das Ganze nenne sich „Geld verdienen.“ Und die Frau hatte einerseits Recht. Der Arbeitsplatz ist für viele Menschen alles andere komfortabel.
Andererseits irrte sie sich aber auch. Denn an einer entscheidenden Stelle kann selbst eine unkomfortable Situation eben immer(!) komfortabler als die Alternative sein. Damit ist sie im Vergleich dann doch eine „Komfortzone“, auch wenn es nicht wirklich kuschelig sein sollte. Beim Arbeitsplatz und auch bei unglücklichen Beziehungen ist es meist der Aspekt der Sicherheit, der einen gewissen „Komfort“ bietet.

Irrtum Nr. 3 – Die Komfortzone verlassen ist selten einfach

Außer der Tatsache, dass jeder ein Stück Sicherheit (auch wenn es manchmal nur eine Scheinsicherheit ist) aufgeben muss, wenn er seine Komfortzone aufgibt, gibt es noch weitere Schwierigkeiten, die dies sehr erschweren. Zum Beispiel das Umfeld, das einem zurückhalten will, ein schwach entwickeltes Selbstbewusstsein oder schlicht die Macht der Gewohnheit. Jeder einzelne dieser Aspekte kann schon eine enorm große Hürde darstellen und deshalb ist es wichtig, gute Strategien zu entwickeln, um diese überspringen zu können.

Trotzdem: die Komfortzone verlassen wird zur Schlüsselkompetenz

Es wäre jetzt natürlich nur zu verständlich, sich angesichts dieser Irrtümer und Hürden entmutigen zu lassen. Verständlich, aber alles andere als gut. Denn eines ist klar: in einer Zeit des Wandels wie der unsrigen, wird die Fähigkeit, nicht nur einmal, sondern immer wieder Komfortzonen zu verlassen, zur Schlüsselkompetenz.

Ein Mutmacher zum Schluss

Der Mutmacher in Bezug auf die Schlüsselkompetenz „Komfortzone verlassen“ kommt aus der Hirnforschung. Deren zentrale Erkenntnis aus den vergangenen 30 Jahren lautet nämlich: das Gehirn ist plastisch, es verändert sich und gestaltet sich um, bis zum letzten Tag.
Im Klartext: die Komfortzone zu verlassen und veränderungsbereit zu sein ist nicht nur eine Kernherausforderung unserer Zeit. Anders als zu meiner eigenen Jugendzeit wissen wir heute, dass wir auch tatsächlich die Fähigkeiten in uns tragen, uns zu verändern und Neues zu lernen. Und das buchstäblich vom Kleinkind bis zum Greis!

Markus Frey, Life-Coach, Köln
info(ät)stressfrey.de

PS Weil das Thema zu umfangreich ist, um es in einen einzigen Blogartikel zu packen, werde ich mit diesem Beitrag eine kleine Serie starten und weitere Artikel zum Themenkomplex „Komfortzone verlassen“ veröffentlichen. Nächste Woche: Komfortzone und die Macht der Gewohnheit