Der Fels in der Brandung
Achtung, Verwechslungsgefahr: Viele setzen Selbstbewusstsein mit Selbstvertrauen gleich, obwohl es sich um zwei verschiedene Dinge handelt. Für ein gesundes Selbstvertrauen ist ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein hilfreich, jedoch nicht zwingend notwendig. Mir sind schon viele Menschen mit ausgeprägtem Selbstvertrauen begegnet, deren Selbstbewusstsein nur mäßig entwickelt war – und ebenso der umgekehrte Fall: Menschen mit hohem Selbstbewusstsein und dennoch geringem Selbstvertrauen. Gerade für Hochleister, die über Jahrzehnte hinweg den Zugriff auf ihre Spitzenenergie behalten wollen, lohnt der genaue Blick auf das Zusammenspiel von Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen. Denn wer beide Begriffe sauber trennt, versteht auch besser, an welcher Stellschraube er tatsächlich drehen muss, wenn ihm die eigene innere Stabilität abhandenkommt.
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Selbst-Bewusstsein
Wenn wir den Begriff des Selbstbewusstseins auseinandernehmen, erkennen wir schnell: Es geht um das Bewusstsein des eigenen Selbst. Wer ein hohes Selbstbewusstsein besitzt, hat ein klares Bewusstsein von sich selbst – und insbesondere ein präzises Bewusstsein über die eigenen Stärken und (das „und“ ist hier entscheidend) Schwächen. Dieses Wissen ist nüchtern, kein Selbstlob und keine Selbstverkleinerung. Es ist schlicht die realistische Landkarte der eigenen Person. Und wie jede gute Landkarte zeigt sie beides: das offene Gelände, in dem Sie sich sicher bewegen, und die Stellen, an denen Vorsicht geboten ist. Gerade Hochleister neigen dazu, ihre Stärken für selbstverständlich zu halten und den Blick vorrangig auf Lücken und Defizite zu richten. Das verschiebt die innere Landkarte und lässt sie schiefer erscheinen, als sie tatsächlich ist. Wer seine Stärken dagegen ebenso ernst nimmt wie seine Schwächen, gewinnt ein Bild von sich, das trägt.
Vom Selbstbewusstsein zum Selbstvertrauen
Ein solches Selbstbewusstsein wird immer dann zur Kraftquelle, wenn das Bewusstsein über die eigenen Schwächen zwar klar und präzise bleibt, das Bewusstsein aber deutlich stärker vom Wissen um die eigenen Stärken geprägt ist. Überwiegt das Bewusstsein der Schwächen, entsteht ein geringes Selbstvertrauen. Überwiegt das Bewusstsein der Stärken, haben wir es mit einem Menschen mit hohem Selbstvertrauen zu tun. Das Verhältnis der beiden Seiten zueinander entscheidet also darüber, ob aus reiner Selbstkenntnis echtes Selbstvertrauen erwächst. Und dieses Verhältnis ist gestaltbar: Sie können lernen, den Blick immer wieder bewusst auf das zu lenken, was Sie können.
Der eigene Wert ist keine Leistungskennzahl
Hier kommt ein Punkt hinzu, der gerade Hochleistern selten bewusst ist: Ihr Wert als Mensch hängt nicht von Ihrer Leistung ab. Das klingt zunächst selbstverständlich, wird im Alltag jedoch permanent untergraben – von eigenen Erwartungen ebenso wie von den Erwartungen Dritter. Wer seinen Selbstwert an die nächste Quartalszahl, den nächsten Titel oder das nächste gelöste Problem koppelt, baut sein inneres Fundament auf Sand. Ein gesundes Selbstvertrauen speist sich aus dem klaren Bewusstsein der eigenen Stärken, ruht aber auf einem Selbstwert, der von Leistung unabhängig bleibt. Erst diese Trennung macht Sie frei: frei, Ihr Potenzial nüchtern zu sehen und es abzurufen, ohne sich von jeder Erwartung treiben zu lassen. Wer den eigenen Wert an die Leistung kettet, gerät bei jedem Rückschlag ins Wanken. Wer ihn davon löst, gewinnt genau die Stabilität, aus der heraus Spitzenleistung erst dauerhaft möglich wird. Paradoxerweise leistet gerade der am freiesten, der seine Leistung nicht mehr braucht, um sich selbst zu genügen.
Der Fels in der Brandung
Das Ideal, auf das dieses Zusammenspiel hinausläuft, ist die Fels-in-der-Brandung-Persönlichkeit. Ein solcher Mensch kennt sein Leistungspotenzial genau und kann es abrufen, wenn es darauf ankommt. Zugleich ruht er in sich. Die Wellen der Erwartungen – die eigenen und die fremden – branden gegen ihn, doch sie reißen ihn nicht mit. Diese innere Ruhe ist kein Rückzug und keine Gleichgültigkeit; sie ist die Voraussetzung dafür, dass Spitzenenergie über Jahre verfügbar bleibt. Wer sich dagegen von jeder Erwartung unter Druck setzen lässt, verbrennt seine Reserven, lange bevor der eigentliche Ernstfall eintritt. Der Fels steht fest, weil er weiß, worauf er gebaut ist: auf ein realistisches Bild der eigenen Stärken und einen Selbstwert, den keine Welle wegspült. Die Brandung darf toben; sie verändert nichts an dem, was den Fels im Innersten ausmacht.
Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen und Krisenkompetenz
In der Krise haben diejenigen die besten Karten, deren hohes Selbstvertrauen auf einem hohen Selbstbewusstsein beruht. Also Menschen, die ihre Schwächen glasklar sehen und trotzdem – gerade unter Druck – das Bewusstsein über die eigenen Stärken behalten. Das Zusammenspiel von Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen entscheidet in solchen Momenten oft mehr als jede Fachkompetenz. Denn wer sich seiner Stärken sicher ist, ohne die eigenen Schwächen zu leugnen, trifft auch unter Belastung klare Entscheidungen und behält den Kopf frei für das Wesentliche. Und genau diese Klarheit ist es, die andere in der Krise als Souveränität wahrnehmen. Sie überträgt sich auf das Umfeld und wird so vom persönlichen Merkmal zur stabilisierenden Kraft für ein ganzes Team.
Phoenix aus der Asche
Manchmal erleben wir Menschen oder Teams, die nach einer Krise in erstaunlich kurzer Zeit wie „Phoenix aus der Asche“ zu neuem Erfolg aufsteigen. Fast immer sind das Menschen mit hohem Selbstvertrauen auf einer soliden Selbstbewusstseinsbasis. Diese Kombination hilft ihnen, ihre Schwächen schnell und präzise zu analysieren, die richtigen Schlüsse zu ziehen und mit frischer Energie ihre Stärken einzusetzen. Menschen mit hohem Selbstvertrauen, aber geringem Selbstbewusstsein können es ebenfalls schaffen; sie haben es jedoch ungleich schwerer, weil das Risiko bleibt, dass sie immer wieder über dieselben Schwächen stolpern. Ohne eine klare Landkarte ihrer selbst reparieren sie die Symptome, statt die eigentliche Ursache zu erkennen – und geraten beim nächsten Sturm erneut in dieselbe Lage.
Fazit: So stärken Sie Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen
Arbeiten Sie an Ihrem Selbstbewusstsein, indem Sie sich Ihrer Schwächen bewusst bleiben, vor allem aber Ihre Stärken immer wieder vor Augen führen und Tag für Tag weiterentwickeln. Zwei Ansätze halte ich dabei für besonders wirksam. Erstens die Entwicklung des Selbstbewusstseins mithilfe eines der etablierten Persönlichkeitsprofile, das Ihnen die eigene Landkarte schärft und blinde Flecken sichtbar macht. Zweitens die Entwicklung einer klaren Vision und, daraus abgeleitet, konkreter Ziele für den Einsatz Ihrer Stärken. Beides zusammen führt zu einer Persönlichkeitsstärke, die gute und weniger gute Zeiten erfolgreich meistert – und die den Kern eines gesunden Zusammenspiels von Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen bildet.

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So entsteht jene Fels-in-der-Brandung-Mentalität, die Ihr Potenzial verfügbar hält, wenn es zählt, und Sie zugleich vor der Erschöpfung durch fremde und eigene Erwartungen schützt. Genau darauf kommt es an, wenn Sie Ihre Spitzenenergie nicht nur heute, sondern auch morgen noch abrufen wollen.
Markus Frey, Köln
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