„Ich habe bei der Arbeit schon genug Stress.“ – Das ist eine häufige Reaktion, wenn ich in Coachings oder Gesprächen nach persönlichen Zielen frage. Der Zusammenhang zwischen Zielorientierung und Stress wird dabei oft zu eindimensional betrachtet. Ja, Ziele können kurzfristig Stress erzeugen – aber dieser Stress unterscheidet sich fundamental von dem ungerichteten, zermürbenden Alltagsstress, den viele erleben. In Wahrheit gilt oft das Gegenteil: Zielestress, verstanden als die gezielte Aktivierung von Energie für ein persönlich bedeutsames Ziel, kann auf lange Sicht Stress reduzieren – und zwar deutlich.
Zielestress ist meist positiver Stress
Setzen wir uns ein Ziel, steigt in der Regel kurzfristig unser Stresshormonspiegel. Adrenalin und Cortisol werden ausgeschüttet, Herzschlag und Aufmerksamkeit steigen. Das ist keine Fehlfunktion unseres Körpers, sondern ein evolutionär verankertes Aktivierungsprogramm: Ressourcen bündeln, den Blick schärfen, Hindernisse überwinden. Besonders augenfällig ist dieses Prinzip im Hochleistungssport. Hat es eine Sportlerin mit Unterstützung ihres Umfeldes(!) verstanden, den Druck, ein sportliches Ziel zu erreichen als Motivationsquelle zu verstehen, dann kann sie den damit empfundenen Stress in Training und Wettkampf weniger als Belastung, denn als Energiequelle erleben.
Entscheidend dafür ist, dass die Ziele persönlich gewählt und als sinnvoll erfahren werden und / oder es zumindest eine starke persönliche Verbindung mit ihnen gibt. Werden Ziele dagegen von außen aufgedrückt und kommt diese innere Verbindung nicht zustande, zum Beispiel, weil sie unrealistisch sind, kippt der positive Effekt ins Gegenteil. Doch wenn Ziele im Einklang mit den eigenen Werten und Fähigkeiten stehen, geschieht etwas Bemerkenswertes: Jeder erreichte Meilenstein wirkt wie ein Energieschub. Der kurzfristige Anstieg von Stresshormonen wird durch das Erfolgserlebnis kompensiert – und oft übertroffen – durch das Glückshormon Dopamin.
Zielorientierung wirkt der Verzettelung entgegen
Einer der größten, aber am meisten unterschätzten Stressfaktoren in einer hochkomplexen Welt ist die Verzettelung. Insbesondere viele Hochleister kennen das: E-Mails, Meetings, spontane Anfragen, „kleine“ Nebenprojekte – und am Ende eines langen Arbeitstages ist das Gefühl, zwar viel getan, aber wenig bewegt zu haben.
Persönlich gesetzte Ziele wirken hier wie ein Kompass. Sie schaffen Klarheit, wofür Sie Ihre Zeit und Energie einsetzen – und wofür nicht. Wer weiß, was er erreichen will, kann bewusst entscheiden, was Priorität hat und was hinten anstehen muss. Allein diese Fokussierung reduziert den diffusen Alltagsstress drastisch, bei dem man wie ein Blatt im Wind bald hierhin, bald dorthin geweht wird.
Ziele in allen Lebensbereichen – sonst droht Schieflage
Zielorientierung entfaltet ihre stressreduzierende Wirkung allerdings nur dann, wenn sie ganzheitlich gedacht wird. Es stimmt zwar, dass man sich als zielorientierter Mensch konzentrieren muss und sich nicht verzetteln darf. Fatal wird es aber, wenn die Zielorientierung so einseitig wird, dass der Zielorientierte sich von wichtigen Energiequellen abschneidet.
Das passiert leider immer wieder einer großen Zahl von Hochleistern. Dann werden ambitionierte, meist berufliche Ziele gesetzt – und gleichzeitig die Gesundheit, Familie Freundschaften und die persönliche Entwicklung geopfert. Das kann eine Zeit lang funktionieren, doch der Preis ist hoch: Burnout, zerrüttete Partnerschaften, Verlust von Lebensfreude haben häufig hier ihren Grund.
Ein einfaches Modell, das ich in meiner Arbeit mit Hochleistern aus verschiedenen Bereichen der Gesellschaft nutze, ist die Einteilung in fünf zentrale Lebensbereiche, die jeder für sich auch eine starke Bedeutung als Quelle der persönlichen Lebensenergie haben. Es sind dies:
- Beruf und Karriere
- Gesundheit und Fitness
- Beziehungen (Familie, Partnerschaft, Freunde)
- Persönliches Wachstum
- Sinn und Beitrag
Die Ziele müssen nicht gleichgewichtig, also zu je 20%, verteilt werden, wenn sie aber in einem Bereich kaum vorhanden sind oder gar komplett fehlen, dann entsteht mehr als „nur“ ein Ungleichgewicht. Es fehlt dann nicht „nur“ eine Energiequelle, die relativ einfach an anderer Stelle ausgeglichen werden könnte. Vielmehr entsteht bei diesen Hauptenergiequellen oftmals eine regelrechte Vergiftung der Lebensenergie. Häufige Beispiele sind insbesondere eine angegriffene und stetig schlechter werdende Gesundheit sowie zerrüttete familiäre Beziehungen. Dann ist es kein Wunder, sondern schlicht eine folgerichtige Entwicklung, wenn der Stress immer weiter zu-, die Lebensenergie aber abnimmt.
Die oft übersehene Gefahr der Ziellosigkeit
Auf den ersten Blick wirken Menschen ohne klare Ziele oft entspannter. Keine Deadlines, keine ambitionierten Projekte – scheinbar kein Stress. Doch dieser Eindruck täuscht häufig. Ziellosigkeit führt nicht zu Ruhe, sondern zu einem Dauerzustand unterschwelliger Anspannung.
Ein zentrales Beispiel ist der Entscheidungsstress. Wer keine klaren Ziele hat, hat auch keine klaren Prioritäten – und ohne Prioritäten fehlt der Maßstab, um zwischen „Ja“ und „Nein“ zu unterscheiden. Das führt zu ständigen inneren Abwägungen, oft mit dem Gefühl, „falsch“ zu entscheiden oder Chancen zu verpassen. Für Hochleister, die ohnehin viele Anfragen und Optionen haben, ist das ein permanenter Stressgenerator.
Zielklarheit als Schutzschild gegen Überforderung
Gerade in einer VUCA-Welt – volatil, unsicher, komplex, mehrdeutig – ist Zielklarheit ein stabilisierender Faktor. Sie hilft, inmitten von Unsicherheit einen festen Orientierungspunkt zu haben. Ziele wirken wie ein Leuchtturm, der auch bei Sturm und Nebel die Richtung vorgibt.
Ein Manager, der weiß, dass sein oberstes Ziel für das Quartal die Markteinführung eines Produkts ist, wird sich nicht von jedem Krisengeräusch im Unternehmen vom Kurs abbringen lassen. Eine Wissenschaftlerin, die ein Forschungsziel klar vor Augen hat, wird trotz administrativer Störungen konsequent weiterarbeiten. Und ein Sportler, der sich auf einen Wettkampf vorbereitet, lässt sich nicht von kurzfristigen Stimmungsschwankungen irritieren.
Persönliche Ziele – nicht nur Leistungsziele
Besonders für Hochleister ist es wichtig zu verstehen: Ziele müssen nicht ausschließlich leistungsorientiert sein. Ein Ziel kann auch lauten: „Jeden Samstagvormittag zwei Stunden mit meinen Kindern im Park verbringen“ oder „An drei Abenden pro Woche eine Stunde ohne Bildschirm und Handy entspannen“. Solche Regenerationsziele senken den Grundstresspegel und erhöhen die Leistungsfähigkeit im Beruf.
Zielestress als Energie- und Sinnquelle
Wenn Sie ein Ziel verfolgen, das für Sie persönlich bedeutsam ist, erleben Sie mehr als nur das Erreichen eines Meilensteins. Sie erleben Sinn. Und Sinn ist der stärkste bekannte Schutzfaktor gegen destruktiven Stress. Viktor Frankl, der Begründer der Logotherapie, brachte es auf den Punkt: „Wer ein Warum zum Leben hat, erträgt fast jedes Wie.“
Ziele, die in Ihren Werten verankert sind, liefern genau dieses „Warum“. Sie geben Ihrer Energie Richtung – und verhindern, dass Sie sich in den zahllosen Anforderungen einer anspruchsvollen Karriere verlieren.
Fazit
Zielestress ist nicht der Feind, sondern ein Verbündeter – wenn er aus selbstgewählten, sinnvollen Zielen entsteht und alle zentralen Lebensbereiche einbezieht. Für Hochleister ist er ein strategisches Werkzeug: Er bündelt Energie, verhindert Verzettelung, senkt den Entscheidungsstress und schafft Sinn. Kurzfristig fordert er Kraft – langfristig schenkt er Stabilität.
Markus Frey
info(at)stressfrey.de
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